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Talk: Mögliche Neueinstufung und die Folgen für die Lackindustrie
Talk ist aus vielen Farben und Lacken kaum noch wegzudenken. Doch der funktionelle Füllstoff steht auf dem Prüfstand: Im laufenden CLH-Verfahren droht eine europaweit harmonisierte Einstufung als vermutlich krebserzeugend und als lungenschädigend bei wiederholter Exposition. Verbände wie Eurotalc, CEPE und VdL wollen eine erneute Bewertung erreichen. Aline Rommert, Referentin Produktsicherheit beim VdL, über den Stand des Verfahrens und die möglichen Folgen für die Industrie. Das Interview führte Kirsten Wrede.
Warum ist die drohende Neueinstufung von Talk für die Lack- und Farbenindustrie so bedeutsam?

Aline Rommert: Talk ist in unserer Branche ein sehr wichtiger Rohstoff. Er wird in vielen Farben und Lacken als funktioneller Füllstoff eingesetzt und verbessert Eigenschaften wie Mattierung, Kratzfestigkeit, Schleifbarkeit oder die Verarbeitbarkeit der Produkte. Gleichzeitig ist er in vielen Anwendungen über Jahrzehnte etabliert worden. Eine strengere Einstufung hätte deshalb Auswirkungen auf eine große Zahl von Rezepturen und würde viele Unternehmen vor erhebliche technische und wirtschaftliche Herausforderungen stellen.
Das RAC (Ausschuss für Risikobewertung der Europäischen Chemikalienagentur) hat eine deutlich strengere Einstufung empfohlen. Wie bewerten Sie diese Verschärfung?
Rommert: Aus Sicht der Industrie ist diese Verschärfung bemerkenswert, weil sie deutlich über den ursprünglichen Vorschlag der niederländischen Behörde RIVM hinausgeht. Während zunächst eine Einstufung als Carc. 2 diskutiert wurde, empfiehlt RAC nun Carc. 1B.
Wir nehmen wissenschaftliche Bewertungen selbstverständlich sehr ernst. Gleichzeitig gibt es erhebliche Diskussionen darüber, ob die vorliegenden Daten eine derart weitreichende Einstufung tatsächlich rechtfertigen. Eurotalc hat hierzu zusätzliche wissenschaftliche Analysen vorgelegt und kommt zu dem Schluss, dass die verfügbaren epidemiologischen Daten die vorgeschlagene Einstufung nicht stützen. Deshalb halten wir eine erneute wissenschaftliche Prüfung für sinnvoll
Was erhoffen Sie sich konkret von einer erneuten RAC-Bewertung?
Rommert: Wir wünschen uns, dass alle verfügbaren Daten umfassend bewertet werden und die Entscheidung auf einer möglichst belastbaren wissenschaftlichen Grundlage erfolgt. Eine zweite RAC-Stellungnahme könnte dazu beitragen, offene Fragen zu klären und gegebenenfalls zu einer differenzierteren Einstufung zu gelangen. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass wissenschaftliche Evidenz, tatsächliche Expositionsbedingungen sowie die praktischen Auswirkungen auf industrielle Anwendungen gleichermaßen berücksichtigt werden.
Welche Reaktion erhoffen Sie sich auf nationaler Ebene?
Rommert: Mit dem gemeinsamen Schreiben an das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wollen wir frühzeitig auf die industriepolitischen und wirtschaftlichen Folgen einer strengen Einstufung aufmerksam machen.
Wir wünschen uns, dass die deutschen Behörden diese Aspekte aktiv in den europäischen Diskussionsprozess einbringen und sich für eine wissenschaftlich fundierte sowie verhältnismäßige Bewertung einsetzen. Dabei geht es nicht darum, den Gesundheitsschutz infrage zu stellen, sondern darum, sämtliche wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen angemessen zu berücksichtigen.
Die EU-Kommission zeigt inzwischen eine offenere Haltung. Woran machen Sie das fest?
Rommert: Positiv ist aus unserer Sicht, dass zusätzliche wissenschaftliche Informationen und mögliche weitere Prüfschritte überhaupt diskutiert werden. Das zeigt, dass der Prozess noch nicht als abgeschlossen betrachtet wird. Natürlich bleibt offen, wie die Kommission am Ende entscheidet. Aber die Bereitschaft, neue Argumente anzuhören und die Auswirkungen genauer zu betrachten, ist grundsätzlich ein gutes Signal.
Wie leicht ließe sich Talk ersetzen?
Rommert: Nach den bisherigen Untersuchungen wäre ein Ersatz äußerst anspruchsvoll. CEPE hat in einer Analyse festgestellt, dass eine direkte 1:1-Substitution praktisch nicht möglich ist. Stattdessen wären vielfach umfangreiche Neuformulierungen erforderlich.
Das liegt daran, dass Talk gleichzeitig mehrere Funktionen erfüllt. Andere Stoffe können einzelne Eigenschaften ersetzen, erreichen aber häufig nicht die gleiche Gesamtperformance. Hinzu kommen erhebliche Kosten für Entwicklung, Rohstoffqualifizierung, Produkttests und Markteinführung.
Wie realistisch ist noch eine differenzierte Regulierung?
Rommert: Ein gewisser Spielraum für eine differenzierte Betrachtung mag durchaus noch vorhanden sein. Zum einen laufen die Diskussionen innerhalb der europäischen Gremien noch, zum anderen wurden zusätzliche wissenschaftliche Daten vorgelegt, die derzeit bewertet werden. Außerdem wird die sozioökonomische Studie von CEPE zusätzliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen einer möglichen Einstufung liefern. Die Europäische Kommission hat grundsätzlich die Möglichkeit, eine erneute RAC-Bewertung anzustoßen.
Was raten Sie Herstellern, die sich vorbereiten wollen?
Rommert: Unternehmen sollten die regulatorischen Entwicklungen sehr aufmerksam verfolgen und frühzeitig die eigene Betroffenheit analysieren. Dazu gehört insbesondere die Identifizierung von Rezepturen, in denen Talk eingesetzt wird, sowie die Bewertung möglicher Alternativen. Gleichzeitig wäre es noch zu früh, bereits flächendeckend auf Alternativen umzusteigen. Sinnvoll erscheint vielmehr, verschiedene Szenarien vorzubereiten: also mögliche Ersatzstoffe zu prüfen, die eigenen Rezepturen zu bewerten und die weitere regulatorische Entwicklung eng im Blick zu behalten.