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Interview: „Biozidfreiheit wird in vielen ­Anwendungen zum neuen Standard“

In einer engen Entwicklungspartnerschaft haben Dörken und J.W. Ostendorf den ersten wasserbasierten Lack ohne Konservierungsmittel realisiert. Im Doppelinterview sprechen Guido Strauch (Dörken) und Florian Rzeha (J.W. Ostendorf) über Erfolgsfaktoren der Zusammenarbeit, neue Marktpotenziale und den Weg zum biozidfreien Branchenstandard.

Die Nachfrage nach wohngesunden Beschichtungen wächst stetig, während Konservierungsmittel trotz Kritik weiterhin als unverzichtbar für die mikrobiologische Stabilität gelten. Vor diesem Spannungsfeld entwickelten zwei Industriepartner eine marktfähige Alternative ohne Biozide. Quelle: MQ-Illustrations - stock.adobe.com

Ihr gemeinsames Projekt der Einführung konservierungsmittelfreier Anstrichsysteme durch J.W. Ostendorf auf Grundlage der innovativen Pigmentpasten aus dem Hause Dörken wird als „partnerschaftlich und fokussiert“ beschrieben. Was macht aus Ihrer Sicht den Unterschied zwischen einer klassischen Geschäftsbeziehung und einer echten Innovationspartnerschaft und warum gelingt Letztere im Markt vergleichsweise selten?

Guido Strauch, Dörken
Guido Strauch, Dörken

Guido Strauch: Der entscheidende Unterschied liegt im gemeinsamen Commitment. J.W. Ostendorf ist früh als Pilotkunde eingestiegen und hat sich klar dazu bekannt, das System später auch einzusetzen. Dadurch entstand eine sehr enge und zielgerichtete Zusammenarbeit, die weit über eine klassische Lieferanten-Kunden-Beziehung hinausging.

Florian Rzeha: Hinzu kam ein außergewöhnlich offener und vertrauensvoller Informationsaustausch. Beide Teams waren eng verzahnt und haben kontinuierlich gemeinsam optimiert – sowohl technologisch als auch prozessual. Von Tag 1 an wurde äußerst fokussiert, lösungsorientiert und partnerschaftlich an der gemeinsamen Zielsetzung gearbeitet, wobei sich alle beteiligten Personen auf Augenhöhe begegneten und fachlich wie menschlich auf einer Wellenlänge waren.

Konservierungsmittelfreie Systeme erschließen ein deutlich erweitertes Formulierungsfenster. Welche neuen Marktsegmente und Anwendungsfelder werden dadurch aus Ihrer Sicht künftig zugänglich, die bisher schwer zu bedienen waren?

Strauch: Mit der neuen „Dörken Ecological Water“ Pastenreihe eröffnen sich insbesondere Möglichkeiten für Systeme, die hohe Anforderungen an Wohngesundheit und Umweltverträglichkeit erfüllen müssen – beispielsweise Produkte mit Umweltzeichen wie dem Blauen Engel.

Gleichzeitig ermöglicht die konservierungsmittelfreie Technologie deutlich mehr Flexibilität in der Formulierung wasserbasierter Systeme. Das betrifft vor allem Anwendungen, bei denen bislang die Balance zwischen mikrobiologischer Stabilität und Biozidfreiheit schwer erreichbar war.

Rzeha: Wir sehen großes Potenzial insbesondere im Bereich wohngesunder Innenfarben und Lacke. In Deutschland ist das Thema sowohl bei DIY‑Kunden als auch bei Handelspartnern ein starkes Kauf‑ und Differenzierungsargument. Gleichzeitig gewinnt Konservierungsmittelfreiheit auch im europäischen Umfeld zunehmend an Bedeutung, getrieben durch ein wachsendes Gesundheits‑ und Sicherheitsbewusstsein der Verbraucher sowie absehbare regulatorische Entwicklungen.

Sie sind sich einig: Biozidfreiheit wird in vielen Bereichen zum Standard. Welcher Zeithorizont ist dafür realistisch und welche Segmente oder Anwendungen werden diesem Trend zuletzt folgen?

Florian Rzeha (J.W. Ostendorf)
Florian Rzeha (J.W. Ostendorf)

Rzeha: Wir beobachten bereits heute eine sehr dynamische Entwicklung. Nachhaltige und wohngesunde Produktfeatures werden inzwischen häufig als absolutes Must-have angesehen, während regulatorische Vorgaben den Einsatz klassischer Konservierungsmittel in Anstrichsystem zunehmend begrenzen und mikrobiologisch stabile System damit schwerer umzusetzen sind. Konservierungsmittelfreie Systeme bieten hier eine überzeugende, zukunftsfähige Lösung, um diesen regulatorischen und technologischen Herausforderungen wirksam zu begegnen. Genau aus diesem Grund führen wir in unserem Portfolio nicht nur konservierungsmittelfreie Dispersionsfarben, sondern haben es in Zusammenarbeit mit Dörken bewusst um eine echte Innovation erweitert, den ersten wasserbasierten Lack ohne Konservierungsmittel.

Strauch: Flüssige, konservierungsmittelfreie Pasten werden in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen – insbesondere, weil sie sich ohne Investitionen in neue Mischanlagen einsetzen lassen und gleichzeitig die technische Performance erhalten bleibt.

Bereiche mit besonders hohen Anforderungen an Robustheit oder extreme Lager- und Einsatzbedingungen könnten dem Trend etwas später folgen. Insgesamt erwarten wir aber, dass Biozidfreiheit über kurz oder lang in vielen Anwendungen zum neuen Standard wird.

Welcher der drei großen Treiber – Regulatorik, Verbrauchererwartung oder technologische Machbarkeit – wird in den kommenden Jahren die stärkste Veränderungsdynamik in der Branche entfalten?

Rzeha: Aus unserer Sicht greifen alle drei Faktoren ineinander. Themen wie Wohngesundheit und Umweltverträglichkeit stehen heute bei den Verbrauchern viel stärker im Fokus als noch vor einigen Jahren. Dies wird durch die Regulatorik zusätzlich verstärkt. Ein gutes Beispiel waren die aktualisierten Vergabegrundlagen des Blauen Engels, an deren Zeitplan wir auch unser Projekt eng ausgerichtet haben.

Strauch: Gleichzeitig zeigt unser Projekt aber auch, dass technologische Machbarkeit inzwischen kein Hindernis mehr sein muss. Entscheidend ist die Fähigkeit, neue Stabilisierungskonzepte konsequent weiterzuentwickeln und im Markt zu integrieren.

Wird die Farben- und Lackbranche aus Ihrer Sicht in Zukunft generell stärker auf (vertikale) Entwicklungsallianzen setzen müssen, um mit Tempo und Komplexität der Marktanforderungen Schritt zu halten?

Strauch: Davon sind wir überzeugt. Die Anforderungen an moderne Beschichtungssysteme steigen kontinuierlich – technologisch, regulatorisch und auch hinsichtlich Nachhaltigkeit. Solche Herausforderungen lassen sich immer seltener isoliert innerhalb eines Unternehmens lösen.

Rzeha: Gerade bei disruptiven Entwicklungen wie konservierungsmittelfreien Systemen ist die enge Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette ein großer Vorteil. Unser Projekt hat gezeigt, wie schnell Innovation entstehen kann, wenn Entwicklung, Anwendungstechnik und Marktanforderungen früh zusammengebracht werden.

Welche organisatorischen oder kulturellen Voraussetzungen müssen Unternehmen mitbringen, um in solchen Co-Development-Projekten erfolgreich zu sein – und woran scheitern vergleichbare Projekte erfahrungsgemäß?

Rzeha: Wichtig sind vor allem Vertrauen und Offenheit sowie ein klares gemeinsames Zielbild, das durch eine pragmatische Arbeitsweise und mutige Entscheidungen kontinuierlich verfolgt wird. Ein enger Austausch ist dabei ebenso entscheidend wie das Commitment, Herausforderungen gemeinsam und lösungsorientiert anzugehen. Fehler werden offen adressiert und als Lernchance genutzt, um die gemeinsame Entwicklung nachhaltig voranzutreiben.

Strauch: Hinzu kommen klare Strukturen und die Bereitschaft, auch organisatorisch zu investieren. Bei uns gehörte dazu beispielsweise der Ausbau des mikrobiologischen Labors auf Schutzstufe 2, um Keimbelastungstests und Langzeitbeprobungen durchführen zu können. Dieses engmaschige Monitoring war ein wichtiger Baustein für die schnelle Weiterentwicklung der Systeme.

Vergleichbare Projekte scheitern vermutlich häufig daran, dass Unternehmen entweder zu vorsichtig agieren, Informationen zurückhalten oder keine ausreichenden Ressourcen für iterative Entwicklungsprozesse bereitstellen.