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Chemieverband kritisiert langsamen Fortschritt bei politischen Reformen
Angespannte Lage in der Chemieindustrie: Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) kritisiert die schleppende Reformpolitik und warnt vor einer „Deindustriealisierung“ Deutschlands. Ohne zügige Maßnahmen droht der Branche ein Strukturbruch.
Die deutsche Chemieindustrie steht weiterhin unter Druck. Trotz vereinzelter Erholungszeichen in der Industrie bleibt die wirtschaftliche Lage der Branche angespannt. Laut aktuellen Zahlen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) liegt die Kapazitätsauslastung in der Chemie bei nur 72,5 %, weit unter der Rentabilitätsschwelle. Die Produktion, Preise und Umsätze sind deutlich rückläufig. Im Jahr 2025 verzeichnete die Chemiebranche ein Produktionsminus von 3,3 % und einen Umsatzrückgang von 3,8 %. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup bezeichnete die Jahresbilanz der Chemie als „unterirdisch“ und fügte hinzu: „Ohne echten Reformwillen und mächtig Tempo in Berlin und Brüssel droht ein Strukturbruch für die industrielle Basis.“
Auch geopolitische Unsicherheiten wie der Krieg im Iran belasten die Branche. Die Blockade der Straße von Hormus führt zu Versorgungsengpässen bei wichtigen Rohstoffen wie Ammoniak, Phosphat und Schwefel. Große Entrup warnte: „Die hohen Preise und die anhaltende Unsicherheit bringen viele Betriebe an ihre Grenzen. Strategische Planung ist immer weniger möglich. Stattdessen fahren die Unternehmen auf Sicht.“
„Die Krise ist der neue Betriebsmodus“
Die deutsche Chemieindustrie steht vor einem Strukturwandel, der laut Große Entrup besorgniserregend sei. Der Begriff „Deindustrialisierung“ sei inzwischen Realität. Seit 2022 gab es 135 Insolvenzen in der Branche. Der VCI kritisiert, dass die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung bislang nicht ausreichen, um die strukturellen Standortnachteile auszugleichen. Besonders die schleppende Reformpolitik sowie hohe Energiekosten und Bürokratie belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.
Die Lage wird durch einen intensiven Importdruck und einen globalen Preiswettbewerb zusätzlich erschwert. Viele Unternehmen sehen sich gezwungen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Die Beschäftigung in der Chemiebranche sank 2025 um 1 % im Vergleich zum Vorjahr, und ein Ende des Stellenabbaus ist nicht absehbar. Große Entrup betonte, dass sich die Branche zunehmend nicht nur mit Wettbewerbern, sondern mit der Macht ganzer Staaten messen müsse.
Hoffnung durch staatliche Investitionen?
Trotz der düsteren Prognosen gibt es auch positive Signale. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland könnte 2026 erstmals seit mehreren Jahren ein moderates Wachstum ermöglichen, unterstützt durch staatliche Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und die Energiewende. Insbesondere die Bauwirtschaft könnte von den Investitionsprogrammen profitieren, was auch die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen beleben könnte. Dennoch bleibt die Chemieindustrie skeptisch, ob diese Impulse ausreichen, um die strukturellen Probleme der Branche zu lösen.
Die Erwartungen bleiben verhalten, da viele Industriekunden weiterhin mit niedrigen Lagerbeständen arbeiten und zunehmend auf ausländische Anbieter ausweichen. Der VCI mahnt an, dass ohne entschlossenes Handeln der Politik und mehr Reformbereitschaft die Gefahr eines Strukturbruchs für die deutsche Chemieindustrie real ist.