Nachrichten Markt & Branche
Chemiesektor in Europa unter Druck: Werksschließungen und Investitionskrise
Laut einem aktuellen Bericht des Europäischen Chemieverbands CEFIC stehen Europas Chemiewerke unter massivem Druck. Schließungen und ein drastischer Rückgang der Investitionen bedrohen die Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität der Branche.
Die europäische Chemieindustrie steht vor einer ihrer größten Herausforderungen: Laut der Studie „European Chemical Closures & Investments Radar 2022-2025“, die im Auftrag des Europäischen Chemieverbands (CEFIC) von Roland Berger durchgeführt wurde, haben sich die Schließungen von Chemiewerken in Europa seit 2022 versechsfacht. Insgesamt wurden 37 Mio.Tonnen Produktionskapazität geschlossen, was etwa 9 % der europäischen Gesamtproduktion entspricht. Neben den direkten Verlusten von 20.000 Arbeitsplätzen sind weitere 89.000 indirekte Arbeitsplätze bedroht – eine alarmierende Entwicklung für die gesamte Wertschöpfungskette.
Der Bericht zeigt zudem einen signifikanten Rückgang der Investitionen in neue Kapazitäten. Während 2022 noch 2,7 Mio.Tonnen jährliche Investitionskapazität angekündigt wurden, sinkt dieser Wert bis 2025 auf lediglich 300.000 Tonnen. Die Gesamtinvestitionen im Zeitraum 2022-2025 belaufen sich somit auf nur 7 Mio.Tonnen, was einem Rückgang von 86 % entspricht. Marco Mensink, Generaldirektor des CEFIC, betonte: „Der Sektor steht unter großem Stress und bricht zusammen. […] Die jährlichen Investitionen haben sich halbiert und gehen gegen Null. Wir brauchen entschlossene Maßnahmen.“
Schließungen dominieren die europäische Chemielandschaft
Die Werksschließungen betreffen insbesondere die vorgelagerte Petrochemie, die allein 48 % der geschlossenen Kapazitäten ausmacht. Rund 50 % dieser Schließungen betreffen neun Steamcracker, was zu einer Nettoreduzierung der europäischen Steamcracker-Kapazität um 16 % führt. Deutschland, die Niederlande und das Vereinigte Königreich gehören zu den am stärksten betroffenen Ländern, wobei Wettbewerbsfähigkeit bei Energiekosten als Hauptgrund für die Schließungen genannt wird.
Die geografische Verlagerung von Kapazitäten innerhalb Europas verstärkt das Ungleichgewicht zwischen den Ländern. Während Deutschland und die Niederlande hohe Kapazitätsverluste verzeichnen, bleibt Belgien mit einer relativ neutralen Bilanz (+0,1 Mio.Tonnen) eine Ausnahme.
Investitionen: Ein Lichtblick bleibt aus
Die Investitionen konzentrieren sich auf spezifische Themen wie die Batteriewertschöpfungskette, Emissionsreduzierung und Recycling, können aber den Rückgang der Produktionskapazität nicht ausgleichen. Belgien, Deutschland und Frankreich führen die Liste der Investitionsstandorte an, wobei Belgien mit 2,4 Mio.Tonnen den größten Anteil hält. Dennoch reicht die Investition nicht aus, um die Verluste in der Petrochemie und bei anorganischen Grundstoffen auszugleichen, die ein Netto-Ungleichgewicht von -30,2 Mio.Tonnen im Zeitraum 2022-2025 verursachen.
Der Bericht macht deutlich, dass die europäische Chemieindustrie dringend Maßnahmen benötigt, um ihre Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Basis zu sichern. CEFIC wird die Entwicklung weiterhin systematisch überwachen und regelmäßig aktualisierte Berichte vorlegen.