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Zwischen Leseklub und Lackindustrie: Cornelia Tietz, EuPIA-Direktorin, im Porträt
Die Welt der Bücher hält Cornelia Tietz seit langem in ihrem Bann. Sie liest diese in den verschiedensten Sprachen – Deutsch, Französisch, Englisch oder Niederländisch – und aus den unterschiedlichsten Genres. Sie mag die Abwechslung – und erzählt FARBE UND LACK-Redakteurin Silke Karl, dass auch ihr Lebenslauf sehr abwechslungsreich ist.
Nach verschiedenen beruflichen Stationen ist Cornelia Tietz seit März 2024 Direktorin der EuPIA, des Europäischen Druckfarbenverbands. Sie empfindet die Zusammenarbeit mit ihrem Team als sehr lohnend und pendelt regelmäßig zwischen Brüssel und Frankfurt.
Als Kind hatte die 54-Jährige allerdings sehr viele Berufswünsche. So wollte sie z. B. eine Zeit lang Tiefbauingenieurin werden: „Es hat mich immer aufgeregt, dass an den verschiedensten Orten die Straße aufgerissen wurde“, erklärt sie. Auch Archivwissenschaften in Verbindung mit Literatur und Literaturwissenschaften hatten sie von jeher fasziniert. Jedoch war diese Studienwahl in der ehemaligen DDR, in der sie geboren und aufgewachsen ist, nicht möglich. Auch Französisch und Arabisch für Erwachsene zu studieren – etwas für die damaligen Verhältnisse sehr Exotisches – gestaltete sich als schwierig, da es in der gesamten DDR nur zwei Studienplätze gab. So ergriff sie die einzige Möglichkeit für sie zu studieren: Russisch und Französisch auf Lehramt (Sek. II). Nach dem Mauerfall wechselte sie mit Freude die Sprache und wählte anstatt Russisch Englisch mit Fokus auf amerikanische Literaturwissenschaften, womit sie sich wieder in der Welt der Bücher wiederfand.
Wichtige Erfahrungen sammeln
Schon während ihres Studiums nutzte sie die Gelegenheit, Auslandssemester zu belegen und war für ein Jahr sowohl in Belfast als auch in Brüssel. Während ihres zweiten Auslandsaufenthaltes lernte sie ihren Mann in Brüssel kennen. Und diese Stadt hat sie seitdem auch nicht losgelassen.
Seit 2005 lebt und arbeitet sie dort – zunächst war sie bei der Cefic, dem Verband der europäischen chemischen Industrie, und wechselte dort mehrfach intern. Auch hier spielte Literatur und Archiv eine sehr große Rolle, so war sie dafür verantwortlich, das Archiv zu ordnen und zu sortieren und eine Ordnerstruktur aufzubauen. „Das Ablagesystem der heutigen Arbeitsgruppen ist genauso, wie ich es damals eingerichtet habe“, berichtet sie stolz. Während dieser Zeit erfüllte sie sich ihren Traum, Archivwissenschaften zu studieren, allerdings berufsbegleitend. Das war mit zwei kleinen Kindern und einem ebenfalls sehr beschäftigten Mann teilweise gar nicht so einfach gewesen.
Als sie ins Reach-Zentrum innerhalb der Cefic wechselte, setzte sie sich intensiv mit den verschiedenen Reach-Vorgaben auseinander und begleitete und beriet unterschiedliche Konsortien. „Das war eine intensive Zeit. Es war alles neu, aber sehr interessant, vor allem die Autorisierung“, erklärt die 54-Jährige. Nach dem Verkauf des Reach-Zentrums wechselte sie auf Empfehlung zunächst zum europäischen Gummi- und Reifenverband ETRMA und dann zurück zur Cefic, wo sie Generalsekretärin des europäischen Lösemittelverbands ESIG wurde. Ihre Aufgaben dort waren umfangreich und spannend: „Die Themenfelder waren hochinteressant, von Luftqualität über Arbeitsschutz bis hin zur Kommunikation.“ Im März 2024 wechselte Tietz zur EuPIA. Leider wurde dies von einem persönlichen Schicksalsschlag, dem Tod ihres Mannes, überschattet. „Meine Entscheidung habe ich bisher nicht bereut“, erklärt sie. Sie fühlt sich sichtlich wohl und das entgegengebrachte Verständnis für ihre Situation habe sie überrascht.
Abwechslung statt Routine
„Man weiß oft nicht, was der Tag bringt“, erzählt sie. Es wäre nie eintönig und sie hätten jeden Tag andere Herausforderungen und Aktivitäten. „Ich bin mit Menschen unterwegs und lerne nahezu jeden Tag etwas Neues“, ergänzt sie begeistert. Daher hat sie sich für die Verbandsarbeit entschieden. Dass sie heute dort ist, verwundert schon ein wenig, wenn man sich vor Augen führt, was sie zunächst studierte. Nach ihrem ersten Staatsexamen führte sie ihr Weg für ein Jahr nach New York, wo ihr Mann ein Stipendium erhalten hatte. Auch der erste Sohn war geboren. „Dort bin ich meinem Archivierungstraum am nächsten gekommen“, erzählt sie strahlend. Beschäftigt war sie in einem elitären, kleinen Antiquariat. Lebhaft erinnert sie sich an diese Zeit. Zu ihren Aufgaben zählten unter anderem das Vergleichen von Manuskripten mit Druckversionen oder der Abgleich der Bestellungs-, Verkaufs- und Transportlisten der Erstedition von James Joyce’ „Ulysses“. Der Umgang mit den teilweise sehr wertvollen Büchern hat sie sehr beeindruckt.
Nach diesem Jahr kehrte die kleine Familie zurück nach Europa und zwar nach Berlin, wo Tietz ihr Referendariat mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. Die 54-Jährige arbeitete in Brandenburg und in Berlin mehrere Jahre als Lehrerin, vor allem in Berlin-Neukölln an der Walter-Gropius-Schule, der ersten Gesamtschule Berlins. „Vor der Klasse zu stehen oder eine Versammlung zu leiten ist eigentlich das Gleiche“, lacht sie. Nach langer und reiflicher Überlegung gab sie ihre Position in Deutschland jedoch auf und folgte mit ihren beiden Kindern ihrem Mann 2005 nach Belgien, der eine Professur an der Universität erhalten hatte. Ihre wenige Freizeit ist für Cornelia Tietz sehr wertvoll: „Ich habe mir angewöhnt, nicht am Wochenende zu arbeiten.“ Sport darf nicht zu kurz kommen. Sie ist Mitglied eines Sportverbands und erarbeitet die Trainingsprogramme für Erwachsene in der Leichtathletik. Ihr Steckenpferd sind Kunst und Kultur. Sie leitet einen Leseclub in Ostende und reist regelmäßig dorthin. Wenn sie nicht liest, wandert oder rennt, besucht sie Kunstausstellungen.