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Porträt: Taten zählen mehr als Worte
Chemie fiel ihm in der Oberstufe leicht und obwohl er sich auch für ein Sportstudium in Köln interessierte, entschied er sich schließlich für den naturwissenschaftlichen Studiengang in Stuttgart. Er war sehr ehrgeizig, was seine Karriere anging und sah unzählige Möglichkeiten auf dem Gebiet; anders als beim Sport, den man auch gut als Hobby betreiben kann. Sein Fokus lag hauptsächlich auf der organischen Chemie und bei Professor Bernd Plietker stieg der Absolvent nach dem Diplom direkt in die Promotion ein, publizierte einige Artikel über seine Forschung und stellte seine Doktorarbeit Ende 2015 fertig. Die Abgabe und Verteidigung hatte der Schwabe nicht sofort geplant, doch auf eine Initiativbewerbung bei PPG hatte er bereits eine Zusage. Schabel träumte davon, seine Kenntnisse im Vertrieb einzusetzen, ein Bereich, der Technik und Kundenservice verband. Er begann 2016 seine Trainee Stelle in einem Produktionswerk für die Automobilindustrie, wo Lacke appliziert wurden und hatte hier nach dem allgemeinen Studium die ersten Berührungspunkte mit Lacktechnologie. Durch die spannenden und schnell verantwortungsvoller werdenden Aufgaben entschied der Chemiker unkonventionell, seinen Abschluss ruhenzulassen.
Bei der täglichen Arbeit im Werk kommt man auch mit Anwendungstechnikern anderer Lieferanten in Kontakt und so ergeben sich Gespräche mit der Hemmelrath Lackfabrik. Die bayerischen Mittelständler wollen den jungen Mann für sich gewinnen und tatsächlich kommt es Anfang 2017 zum Wechsel. Mit etwas Erfahrung aus dem ersten Berufsjahr übernimmt Schabel direkt eine Abteilungsleitung und reist viel zu den Werke der Automobilkunden in Deutschland, Finnland und Spanien. Schon 2018 zeigte ihm die Geschäftsführung aufgrund seiner Erfolge ihre große Wertschätzung für seine Tätigkeit und rund 65.000 Kilometer im Auto sowie etliche Flugmeilen in Form eines neuen Angebots: Leitung Technischer Service. Obwohl die Führungskraft regelmäßig an Board Meetings teilnimmt, kommt die Nachricht über den Verkauf an PPG im Januar 2019 für ihn überraschend.
Seine frühere Tätigkeit bezeichnet der Chemiker als Glücksfall, weil er beide Firmen kannte. Tatsächlich hatten ehemalige Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte ihn in guter Erinnerung behalten und in seiner neuen Rolle traf er plötzlich als Chef auf viele alte Bekannte. Dass man ihn gut wieder aufnahm und ihm die Aufgabe fachlich und menschlich gelang, spricht für ihn. Mit seiner Bodenständigkeit und seinem Fleiß motivierte er den Stab von über siebzig Mitarbeitenden in zehn europäischen Werken immer wieder aufs Neue. Aber sein Herz schlug nicht für die Arbeit im Großkonzern. Er möchte die Erfahrung nicht missen, weil er in Bezug auf Planung und Steuerung tiefe Einblicke erlangte. Doch die langen Entscheidungswege, wenig Spielraum und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten machten ihn nicht ganz glücklich, obwohl ihm Anfang 2021 eine neu gegründete Abteilung übertragen wurde und er erneut deutlich an Verantwortung gewann.
Zurück zum Familienunternehmen
Es bestand weiterhin Kontakt zu Hemmelrath Technologies, einer 2012 ausgegliederten Abteilung der Hemmelrath Lackfabrik, die neben der Planung, Bau und Inbetriebnahme der Modularen Fertigungstechnologie (MoFa-Anlagen), Lohnfertigung sowie Lackentwicklung und Rezeptoptimierung anbietet. Die mögliche Aufgabenpalette in der Geschäftsführung erschien dem gebürtigen Schwaben besonders reizvoll. Es ging nicht mehr nur um Lack, sondern auch um Anlagenbau, Vertrieb und sein Lieblingsthema Personalführung, doch das familiäre Arbeitsumfeld und der große Entscheidungsspielraum waren für Schabel am Ende ausschlaggebend. Er schwärmt: „Es ist schon was anderes, wenn man das mal so erlebt hat. Wie familiär alles ist und der eine für den anderen einsteht und natürlich die kürzeren Wege, die man hier hat.“ Nach nur zwei Gesprächen mit dem damaligen Geschäftsführer Manfred Wunsch und den Inhabern Dr. Markus und Niklas Hemmelrath stand sein Entschluss fest. Er trat im Januar 2024 die Stelle bei Hemmelrath Technologies an und übernahm zur Jahresmitte die alleinige Geschäftsführung. „Ich bin also zwei Mal zu PPG gegangen, aber auch zwei Mal weg von PPG“, fasst Tobias Schabel seinen Werdegang kurz und bündig zusammen.
Aufgewachsen ist der 40-Jährige in Friolzheim, einer Gemeinde zwischen Pforzheim und Leonberg, der er nur während des Studiums kurz untreu wurde. Seit Anfang des Jahres gibt es eine Zweitwohnung in Unterfranken, ganz in der Nähe von Hemmelrath Technologies. Aber mit seiner Freundin Tessa ist er schon seit über zehn Jahren zusammen und das Paar wohnt nach wie vor in der gemeinsamen Wohnung in Friolzheim. Er bezeichnet den Ort als seine Heimat und betont: „Freundschaften sind sehr alt bei uns, seit dem Kindergarten oder früher Schulzeit. Obwohl alle etwas anderes gemacht haben, sind doch die Interessen gleich geblieben.“ Gerne fährt er mit Freunden übers Wochenende ins Allgäu und absolviert auch mal einen Klettersteig mit 1000 Höhenmetern. Oder es wird abends im Tennisverein trainiert, wobei ihm das Spiel auf Sand besonders großen Spaß macht. „Ich muss allerdings aktuell die Punktspiele wegen der Arbeit aussetzen“, sagt er etwas wehmütig. Als Trostpflaster gönnte sich der Rechtshänder ersatzweise Anfang Juni einen Ausflug zu den French Open in Paris, um den Profis einen Tag lang zuzuschauen.
Trotz aller Heimatverbundenheit lässt sich der Geschäftsführer auch oft vom Fernweh mitreißen. Egal ob Wandern auf Hawaii, Segeln in Kroatien oder Kurztrips nach Italien, Österreich oder Frankreich, Schabel ist gern unterwegs. Als er im letzten Jahr nach seiner Kündigung bei PPG freigestellt wurde, nutzte er die Zeit und erkundete die französischsprachige Region von Kanada mit einem Freund. Im nächsten Jahr ist allerdings nicht an große Reisen zu denken, weil der Manager sich den neuen Aufgaben intensiv widmen will: „Eine kleine Auszeit braucht man ab und zu schon, aber ich bin unheimlich stolz auf das, was ich erreicht habe.“