Nachrichten Köpfe & Karrieren

Porträt: Die Umwelt im Fokus

Holger Buchholz, Head of R&D bei J.W. Ostendorf, ist seit 37 Jahren bei dem Coesfelder Unternehmen für die Rezepturen der Farben verantwortlich. Mit einer neuen Struktur und dem Blick für Nachhaltigkeit führt er die Forschung und Entwicklung in die Zukunft. Porträt von Silke Karl

Im Porträt: Holger Buchholz, Head of R&D bei J.W. Ostendorf.
Holger Buchholz, Head of R&D bei J.W. Ostendorf. Quelle: J.W. Ostendorf

Schon als Jugendlicher lief Holger Buchholz mit Friedens­taube und Atomkraft-nein-danke-Buttons durch die ­Gegend. Geprägt von Ostermärschen, die er bei ­seiner Tante im Ruhrgebiet miterlebte, und der Tschernobyl-­Katastrophe war für den gebürtigen Coesfelder früh klar: Umweltschutz sollte in seinem Leben eine große Rolle spielen. „­Damals hatte ich schon ein Faible dafür, Richtung Umwelt zu denken; dass wir Menschen zukunftsorientiert andere Wege einschlagen ­müssen“, ­erinnert sich der 54-Jährige.

Doch der Weg dorthin verlief anders als geplant. Nachdem eine Aus­bildung bei der Polizei oder zum Vermessungstechniker:in für den ­damals 15-Jährigen nicht klappte, nahm er den Auswahltag beim ­Bundesgrenzschutz wahr. Letzteren brach er allerdings selbst ab, um am Folgetag pünktlich zum Bewerbungsgespräch bei J.W. Ostendorf in Coesfeld erscheinen zu können. Am 1. August 1988 startete er als ­einer der ersten Auszubildenden überhaupt zum Lacklaborant:in bei dem Coesfelder Unternehmen. „Ich lass mich jetzt als ­Lacklaborant aus­bilden, um dann später als Umweltschutztechniker arbeiten zu ­können“, erläutert er seine damalige Vision.

Mit kurzen Wegen ans Ziel

Er entschied sich jedoch gegen die geplante Weiterbildung zum Umweltschutztechniker:in „Ich wollte erst einmal Geld verdienen.“ Stattdessen beschloss er, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Chemie­techniker:in in der Abendschule einzuschlagen, zunächst in ­Castrop-Rauxel, dann in Marl. Vier Jahre lang drückte er zwei- bis ­dreimal pro Woche die Schulbank nach der Arbeit; ambitioniert, aber lohnend. „Das Grundverständnis, die Zusammenhänge und Netzwerke in seiner täglichen Arbeit zu bilden, dabei hilft einem jede Techniker­ausbildung“, stellt er rückblickend fest.

Schritt für Schritt in die Verantwortung

Mit dem Wachstum des Unternehmens wuchs auch sein Ver­antwortungsbereich. Vom Lacklaboranten über den Gruppenleiter für ­Dispersionsfarben bis hin zum heutigen Head of R&D, eine Karriere, die er selbst nie aktiv geplant hat. „Das Ziel, eine Gesamtverantwortung für einen großen Verantwortungsbereich zu haben, das hatte ich nie in meinem Leben gehabt“, gibt er offen zu. Doch Vorgesetzte im Unternehmen erkannten sein Potenzial, und so wuchs er Schritt für Schritt in seine Rolle hinein. Heute leitet er ein rund 20-köpfiges Team, ­dessen Mitglieder größtenteils ebenfalls im Hause ausgebildet wurden. „Ich glaub, das ist keine Handvoll, die von extern kommt“, stellt er stolz fest.

Als Führungskraft setzt der gebürtige Coesfelder auf offene, ehrliche und transparente Kommunikation. „Fehler gehören dazu und ich trage die Verantwortung für mein Team bewusst mit“, betont er. Einmal im Monat versammelt er sein Team, um Austausch und Transparenz zu pflegen.

Neue Struktur, neue Wege

Seit Februar letzten Jahres arbeitet die Forschung und Entwicklung in einer komplett neuen Struktur. Statt der ursprünglichen Aufteilung in Dispersionsfarben, Lacke und Lasuren sowie Koloristik gibt es nun drei sogenannte Hubs: Portfolio Excellence, Scale-up sowie New ­Solutions and Decarbonisation. Buchholz hat diesen Umbau gemeinsam mit den Teamleadern in mehreren Workshops vorbereitet. Nach anfäng­licher Skepsis haben sich die neu zusammengewürfelten Teams gut zusammengefunden. „Man darf nicht vergessen, dass dabei bestehende Teams auseinandergerissen wurden. Es gab auch kritische Stimmen“, erklärt er. Den Umweltgedanken hat er in der ganzen Zeit jedoch nie aus den ­Augen verloren. Das Unternehmen setzt seit Jahrzehnten auf nachwachsende Rohstoffe und war einer der ersten Hersteller, die bereits in den 80er-Jahren eine Vorreiterrolle für wasserverdünnbare Anstrichsysteme eingenommen haben.

Dass sein Arbeitsweg nur zehn Minuten mit dem Fahrrad beträgt, schätzt er besonders, nicht nur wegen des Umweltaspekts. „Ich kenne es nicht, dass man eine Viertelstunde, halbe Stunde oder Stunde im Auto sitzt für die Fahrt zur Arbeit“, erzählt Buchholz. Das ist für ihn ein Stück Heimat und sicherlich auch ein Grund, seinem Arbeitgeber seit 37 Jahren die Treue zu halten.

Familie, Hund und Klassik

Privat steht für Holger Buchholz seit 2008 die Familie an erster Stelle. Mit seiner Frau, der gemeinsamen dreizehnjährigen Tochter und dem weißen Labradoodle findet er den Ausgleich zum beruflichen Alltag. Der Vierbeiner führt seinen Halter morgens und abends durch die Coesfelder Umgebung. „Das hält einen körperlich fit“, erzählt der 54-Jährige lächelnd. „Da waren auf einmal fünf, sechs Kilo weg, ohne dass ich irgendwas verändert habe.“ Den Kopf bekommt er beim Spazierengehen allerdings nicht frei. Dafür ist er zu sehr „Denkertyp“. Echte Entspannung findet er ein- bis zweimal im Monat im Konzerttheater Coesfeld. Klassische Musik, am liebsten Orchester, ist seine Leidenschaft, eine Vorliebe, deren Ursprung bereits in den 80er-Jahren am Lagerfeuer der Jugendfeuerwehr lag. Beethoven war damals sein Favorit. Seit 1984 ist Buchholz Mitglied der Feuerwehr Coesfeld. Ein En­gage­ment, das ihn bis heute begleitet.

 

Anzeige: