Nachrichten Markt & Branche

Eisenoxid-Pigmente: „Wir sind mit dem ­Standort Deutschland wettbewerbsfähig.“

Vor 100 Jahren begann am heutigen Lanxess-Standort in Krefeld-Uerdingen, Deutschland, die weltweit erste industrielle Produktion von synthetischen Eisenoxidpigmenten. Im Interview mit dem European Coatings Journal erläutert Michael Ertl, Leiter des Geschäftsbereichs Inorganic Pigments, die Geschäftsausrichtung des europäischen Traditionsherstellers in einem hochkompetitiv Marktumfeld. Interview von Damir Gagro

Vor 100 Jahren startete am heutigen Lanxess-Standort Krefeld-Uerdingen die weltweit erste industrielle Produktion synthetischer Eisenoxidpigmente. Quelle: Lanxess

100 Jahre Inorganic Pigments – was sind heute wichtige strategische Hebel, um in diesem Markt nachhaltig erfolgreich zu bleiben?

Michael Ertl: Die geopolitischen Verwerfungen mit Zöllen, kriegerischen Konflikten und eingeschränkten Transportrouten beeinflussen unsere Lieferketten in einem Ausmaß, das wir früher so nicht kannten. Hinzu kommt die Verlagerung der Pigmentproduktion nach China. Als letzter westlicher Produzent von Eisenoxid-Pigmenten sind für uns deshalb zwei strategische Stellhebel entscheidend, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Der erste Hebel ist ein globales Produktionsnetzwerk mit Standorten in der Nähe unserer Kunden. Das macht uns resilienter und wir können deutlich flexibler auf eine veränderte Nachfrage, regulatorische Eingriffe und logistische Engpässe reagieren.

Der zweite Hebel in unserer Geschäftsstrategie ist, dass wir uns stärker über Qualität statt über den Preis vom Wettbewerb unterscheiden. Möglich machen wir das besonders über unseren LAUX‑Prozess. Er bildet seit 100 Jahren das Herzstück unserer Produktion in Deutschland. Dieses technologisch anspruchsvolle Syntheseverfahren kommt weltweit nur bei Lanxess zum Einsatz. Damit können wir Pigmente mit besonderen Leistungsmerkmalen für die Farbe- und Lackindustrie herstellen.

Energieintensive Prozesse stehen in Europa besonders unter Druck. Wie wettbewerbsfähig ist der Standort Europa heute noch im Pigmentgeschäft?

Michael Ertl, Leiter des Geschäftsbereichs Inorganic Pigments bei Lanxess.
Michael Ertl, Leiter des Geschäftsbereichs Inorganic Pigments bei Lanxess.

Ertl: Die hohen Energiekosten machen es der europäischen Chemieindustrie zunehmend schwer, über den Preis zu konkurrieren. Grundsätzlich sind Wettbewerber aus China aufgrund staatlicher Unterstützung und geringerer Umwelt- und Energiekosten im Vorteil. Im Markt für Eisenoxid-Pigmente ist Lanxess mit seinem Hauptproduktionsstandort in Deutschland dennoch wettbewerbsfähig. Das eben erwähnte LAUX-Verfahren ist ein exothermes chemisches Verfahren und damit besonders energieeffizient. Durch gezielte Investitionen in unsere Anlagen und Prozesse treiben wir die Energieoptimierung zusätzlich voran. Ein Beispiel ist der Einsatz von Wasserstoff, den wir anstelle von Erdgas in der Produktion nutzen können. Diese Energieeffizienz hat jenseits der Kosten einen schönen Effekt: Wir sind Vorreiter beim Thema nachhaltige Pigmente, und das ist für immer mehr Kunden ein Kaufargument.

Wird der Markt innovationsgetriebener oder stärker kostengetrieben?

Ertl: Infolge der geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre gucken die Kunden aus der Farben- und Lackindustrie stärker auf den Preis. Dennoch greift ein reiner Preisvergleich zu kurz. Entscheidend ist auch die Performance eines Pigments – etwa bei Dispergierbarkeit, Farbstärke oder beim Beitrag zu Energieeinsparungen im Produktionsprozess. Diese Faktoren haben einen direkten Einfluss auf Effizienz, Qualität und Gesamtkosten beim Kunden. Pigmente schaffen Wert – und genau diesen Mehrwert stellen wir immer wieder heraus.

Was erwarten Ihre Kunden konkret in Bezug auf CO₂-Transparenz und Produkt-Footprints?

Ertl: Unsere Kunden erwarten verifizierte, vergleichbare und produktspezifische Kennzahlen etwa in Form von Umweltproduktdeklarationen oder Daten zum Carbon Footprint. Für Farben- und Lackhersteller ist entscheidend, dass der CO₂‑Fußabdruck von Pigmenten robust berechnet, konsistent dokumentiert und für eigene Bilanzierungen belastbar ist. Allgemeine Aussagen oder Durchschnittswerte reichen nicht mehr aus.

Wie können europäische Pigmenthersteller langfristig ihre Innovationskraft sichern?

Ertl: Kundennähe ist ein zentraler Treiber unserer Innovationskraft, da sie uns ein tiefes Verständnis für konkrete Anwendungen, Anforderungen und Herausforderungen unserer Kunden ermöglicht. Nur im engen Austausch lassen sich praxisnahe und wirklich relevante Lösungen entwickeln. Diese Nähe stellen wir unter anderem über unser hauseigenes Farblabor sicher, in dem wir gemeinsam mit Kunden Anwendungen testen, Farbentwicklungen optimieren und neue Pigmentlösungen unter realen Prozessbedingungen erarbeiten. So fließen Kundenanforderungen direkt und effizient in unsere Entwicklungsarbeit ein. Genau diese Stärken haben wir über die vergangenen hundert Jahre hinweg aufgebaut.

Inwieweit wird sich der Pigmentmarkt aus Ihrer Sicht weiter konsolidieren?

Ertl: In Bezug auf synthetische Eisenoxidpigmente ist die Konsolidierung weit vorangeschritten. Zwei Drittel des globalen Produktionsvolumens kommen aus chinesischen Produktionsquellen, die von wenigen großen Anbietern global vermarktet werden. Lanxess hat sich demgegenüber in den vergangenen Jahrzehnten auf den Aufbau eines weltweiten Produktionsnetzwerkes konzentriert. Damit legen wir einen stärkeren Fokus auf Kundennähe in den regionalen Märkten.