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Titandioxid-Markt unter Druck: Hersteller kämpfen mit chinesischer Konkurrenz und schwacher Nachfrage

Der globale Titandioxid-Markt befindet sich in einer herausfordernden Phase. Während der Europäische Gerichtshof (EuGH) die umstrittene Einstufung von Titandioxid in Pulverform als „karzinogen beim Einatmen“ im August 2025 aufgehoben hat, kämpft die Branche mit einem anhaltenden Überangebot, schwacher Nachfrage und intensivem Preisdruck aus China. Diese Marktübersicht beleuchtet die aktuelle Situation und künftige Trends im Titandioxid-Segment für Farben und Lacke. Von Kirsten Wrede

Der globale Titandioxid-Markt befindet sich in einer herausfordernden Phase. Quelle: Anastasiia - stock.adobe.com

Globale Marktsituation: Überangebot prägt das Geschehen

Die weltweite Titandioxid-Nachfrage ist von ihrem Höchststand von 7,25 Millionen Tonnen im Jahr 2021 auf geschätzte 7 Mio. Tonnen oder weniger in 2025 gesunken. Reg Adams, Gründer von Artikol, erklärt: „Das schlechteste Jahr war 2023, aber die Wiederbelebung des Wachstums seitdem ist enttäuschend gewesen.“ Diese Entwicklung korreliere stark mit dem schwächelnden globalen Wirtschaftswachstum, das von 2,9 % im Jahr 2023 auf voraussichtlich 2,5 % in 2025 gefallen ist.

Andy White, Business Unit Director Paints and Plastics bei FP-Pigments, beschreibt die Ursachen des Überangebots: „Dies ist hauptsächlich auf die massive Erhöhung der Produktionskapazitäten in China in den letzten fünf Jahren zurückzuführen, wobei Provinz um Provinz TiO2-Anlagen ohne Rücksicht auf die Marktnachfrage hinzugefügt haben.“ Diese Überkapazitäten haben zu einem Preisverfall geführt, wobei chinesische Anbieter Preise weit unter der Rentabilitätsschwelle anbieten.

Johan Rommens, Technical and Sustainability Manager Titanium Technologies bei Chemours, bestätigt: „Global gesehen glauben wir, dass der Titandioxid-Markt anhaltende wirtschaftliche Unsicherheiten und reduzierte Aktivitäten in Schlüsselsektoren wie Lacken, Kunststoffen und Baugewerbe erlebt.“

Strukturwandel in Europa

Die europäische Titandioxid-Industrie durchlebt einen schmerzhaften Strukturwandel. Adams berichtet: „Innerhalb der letzten zwei Jahre wurden drei große TiO2-Anlagen in der EU geschlossen – in Botlek (Niederlande), Duisburg und Scarlino (Italien).“ Auch global sind weitere Werke in der Ukraine, Südkorea, Taiwan und Japan von Schließungen betroffen.

Die finanziellen Auswirkungen sind gravierend. Adams vergleicht: Für die ersten sechs Monate des Jahres 2025 meldete Chemours im Geschäftsbereich Titanium Technologies (TT) ein bereinigtes EBITDA von 83 Mio. EUR, was einem Rückgang von 36 % gegenüber 130 Mio. EUR im ersten Halbjahr 2024 entspricht. Kronos meldete, dass sein Gewinn nach Steuern im gleichen Zeitraum von 23,7 Mio. EUR auf 7,6 Mio. EUR gesunken war. Tronox meldete für das erste Halbjahr 2025 einen Verlust nach Steuern in Höhe von 167 Mio. EUR, verglichen mit einem geringen Gewinn von 6 Mio. EUR im ersten Halbjahr 2024. Besonders dramatisch ist die Situation bei Venator, das in die Liquidation gegangen ist.

White beschreibt die Situation in Europa: „Europäische Produzenten müssen noch immer weitgehend die Preise importierter Materialien erreichen, um ihre Fabriken angesichts sehr schwacher lokaler Nachfrage am Laufen zu halten.“

Auswirkungen der EU-Antidumping-Zölle

Die im Januar 2025 eingeführten EU-Antidumping-Zölle auf chinesische Titandioxid-Importe zeigen erste Wirkung. Adams analysiert: „Im Gesamtjahr 2024 beliefen sich die Importe von chinesischem TiO2 in die EU auf 248.000 Tonnen. In den ersten acht Monaten des Jahres 2025 betrugen sie 115.000 Tonnen. Für das gesamte Jahr 2025 werden die EU-Importe aus China voraussichtlich 160.000 bis 180.000 Tonnen erreichen.“

Weltweiter TiO2-Pigmentverbrauch nach Sektor
Abb. 1 // Weltweiter TiO2-Pigmentverbrauch nach Sektor. Quelle: Artikol.

Unter Berücksichtigung des Lageraufbaus im Jahr 2024 und des entsprechenden Abbaus im Jahr 2025 werde eine Kürzung von 15 bis 25 % erwartet, so Adams. Für die Jahre 2026 und 2027 rechnet er mit einer Abschwächung dieses Rückgangs.

Johan Rommens von Chemours bewertet die Einführung der EU-Zölle positiv: „Für uns waren diese Maßnahmen ein notwendiger Schritt, um unsere europäischen Kunden nachhaltig als vertrauensvollen Partner bedienen zu können.“ Die Implementierung der Anti-Dumping-Zölle habe Europas Position als fairem Handelsraum in einem regelkonformen Wettbewerbsumfeld gestärkt.

Andy White von FP-Pigments bestätigt: „Die EU-Zölle auf unser Geschäft haben das Interesse an unseren TiO2-Optimierungs- und Ersatzprodukten und -protokollen weitgehend unterstützt.“

Nachhaltigkeitstrends prägen die Zukunft

Ein dominierender Trend ist die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit. Rommens erklärt: „Nachhaltigkeit wird weiterhin ein dominierender Trend sein, wobei europäische Kunden an der Spitze stehen, wenn es um die Nachfrage nach Produkten mit geringerem CO2-Fußabdruck und die Einhaltung sich entwickelnder Vorschriften geht.“

White sieht darin eine langfristige Chance für europäische Hersteller: „Der allgemeine Fokus Europas auf Nachhaltigkeit in Verbindung mit den kontinuierlichen Verbesserungen der EU-TiO2-Hersteller bei der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks von TiO2 im Vergleich zu in China hergestelltem Material wird mit der Zeit zu einem erheblichen Unterschied zwischen diesen beiden Bezugsquellen führen, was die europäische Versorgung begünstigen wird.“

Rommens identifiziert weitere wichtige Trends: „Wir gehen davon aus, dass der Markt für Titandioxid in Farben und Lacken in den kommenden Jahren von einem starken Fokus auf die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette, Kosteneffizienz und gleichbleibende Produktqualität geprägt sein wird.“

Optimierung in Formulierungen

Die Optimierung von Titandioxid in Farb- und Lackformulierungen ist unterschiedlich weit fortgeschritten. White erklärt: „In vielen Beschichtungssystemen, insbesondere lösemittelbasierten oder lösemittelfreien, ist die Anwendung von ‚normalem‘ Commodity-TiO2 tatsächlich ziemlich gut optimiert.“ Größeres Potenzial sieht er in wasserbasierten Systemen: „In wasserbasierten Systemen, wo Änderungen in der Formulierung oft zu TiO2-Flockung und Instabilität führen können, sind die Ergebnisse manchmal variabler und Möglichkeiten bestehen noch, die Optik von Formulierungen zu maximieren.“

Rommens betont die kontinuierlichen Fortschritte: „Heutige TiO2-Qualitäten bieten eine fortschrittliche Balance aus Effizienz und Leistung, mit spezialisierten Produkten, die Eigenschaften wie Deckvermögen und Haltbarkeit verbessern.“

Zukunftsaussichten

Die weitere Entwicklung des globalen Titandioxid-Marktes wird maßgeblich von chinesischen Kapazitätserweiterungen geprägt. Adams prognostiziert: „Chinas TiO2-Pigmentproduktion wird voraussichtlich in diesem Jahr 4,8 Millionen Tonnen erreichen, mit Exporten von 2 Millionen Tonnen.“ Mehr als 25 neue Anlagen oder größere Erweiterungen seien angekündigt, und selbst wenn nur die Hälfte davon realisiert werde, würde dies bis 2030 weitere 3,5 Millionen Tonnen jährlicher Kapazität hinzufügen.

Gleichzeitig werde die Weltnachfrage bis 2030 nur um 0,5 bis maximal 0,7 Mio. Tonnen steigen. Adams warnt: „Die Prognose ist eine sich vertiefende Überkapazität in der Welt, die Stilllegung älterer Anlagen und anhaltender Druck, die TiO2-Pigmentpreise niedrig zu halten.“

Rechtliche Klarstellung durch EuGH-Urteil

Das EuGH-Urteil zur Aufhebung der Einstufung von Titandioxid in Pulverform als „karzinogen beim Einatmen“ wird von der Industrie einhellig begrüßt. Andy White kommentiert: „Aus wissenschaftlicher Sicht macht das Urteil Sinn und bringt Europa wieder in Einklang mit dem Rest der Welt.“

Als Mitglied der Titanium Dioxide Manufacturers Association (TDMA) begrüße Chemours das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, so Johan Rommens. „Dies ist ein positives Ergebnis für eine wissenschaftlich fundierte Regulierung und unterstreicht die Bedeutung solider wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Politikgestaltung.“

Weltweiter TiO2-Verbrauch nach Volumen
Abb. 2 // Weltweiter TiO2-Verbrauch nach Volumen. Quelle: Artikol.

Fazit

Der Titandioxid-Markt steht vor strukturellen Herausforderungen, die durch chinesische Überkapazitäten und schwache globale Nachfrage geprägt sind. Während die EU-Antidumping-Zölle erste stabilisierende Effekte zeigen, bleibt der Preisdruck hoch. Die Zukunft wird maßgeblich von Nachhaltigkeitstrends und der Fähigkeit europäischer Hersteller:innen bestimmt, sich durch technische Innovation und umweltfreundlichere Produktion zu differenzieren. Das EuGH-Urteil schafft wichtige rechtliche Klarheit. Langfristig dürfte sich der Markt konsolidieren, wobei nur die effizientesten und nachhaltigsten Anbieter bestehen werden.