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Vom Polymer zur Praxis: Oliver Strube verbindet Grundlagenforschung und Anwendung
„Ich habe Polymerstrukturen mit allen möglichen Funktionalitäten dargestellt. Aber die große Frage war: Wozu?“ Die Suche nach dem praktischen Nutzen seiner Forschung prägte den wissenschaftlichen Werdegang von Oliver Strube. Heute leitet der Chemiker das Institut für Chemieingenieurwissenschaften an der Universität Innsbruck mit Forschungsschwerpunkt Beschichtungstechnologie und hat den Spagat zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung gemeistert. Sein Weg führte ihn aus dem Norden Deutschlands in die österreichischen Berge. Von Bettina Hoffmann
Die Wurzeln von Oliver Strube liegen in Niedersachsen. In Hannover aufgewachsen, entschied er sich nach seinem Abitur am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium bewusst gegen die heimische Universität. Die Wahl fiel auf die Technische Universität Clausthal im Harz – eine kleine Hochschule mit familiärer Atmosphäre und exzellentem Betreuungsverhältnis, ideal für sein Chemiestudium. Die klassische Polymerchemie stand im Mittelpunkt seiner Diplomarbeit und anschließenden Promotion. Obwohl ihn die Grundlagenforschung faszinierte, fehlte ihm der Bezug zur realen Anwendung – ein Aspekt, der seinen weiteren Karriereweg maßgeblich beeinflussen sollte.
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Der Weg zur Lackforschung
Nach der Promotion folgte eine erste Postdoc-Stelle an der Fachhochschule Bielefeld im Bereich Kunststofftechnik, wo er erstmals stärker anwendungsorientiert arbeitete. Parallel übernahm er eine Dozententätigkeit an der Universität Paderborn, um den Kontakt zur universitären Forschung nicht zu verlieren. Der entscheidende Wendepunkt kam, als eine Projektstelle am Lehrstuhl für Lacktechnologie bei Professor Wolfgang Bremser in Paderborn frei wurde. „Ich bin da dann in dieses Thema Lack reingerutscht“, beschreibt Strube seinen eher zufälligen Einstieg in die Welt der Beschichtungstechnologie. Die Kombination aus wissenschaftlicher Grundlagenforschung und klarem Anwendungsbezug entsprach genau seinen Vorstellungen. In Paderborn entwickelte Strube seine Forschung im Bereich bio-inspirierter Beschichtungen, insbesondere zu enzymatisch kontrollierten Beschichtungssystemen. Diese Thematik bildete später den Kern seiner Habilitation. Parallel baute er ein Netzwerk an Industriekontakten auf und warb erfolgreich Drittmittel ein – eine Notwendigkeit, da er seine eigene Stelle und die seiner Mitarbeitenden selbst finanzieren musste. „Das ist ein Hochrisiko-Unternehmen“, beschreibt er diese Phase seiner Karriere. „Man weiß am Ende nicht, wie es ausgeht.“ Ohne feste Universitätsstelle arbeitete er mit kurzzeitigen Projektverträgen und baute gleichzeitig seine wissenschaftliche Reputation auf.
Der Ruf nach Innsbruck
Der Durchbruch kam, als die Universität Innsbruck eine Stiftungsprofessur für Chemieingenieurwesen und Materialprozesstechnik ausschrieb – finanziert vom österreichischen Lackhersteller Adler-Werk Lackfabrik. Durch einen Zufall erfuhr Strube von dieser Stelle genau zu dem Zeitpunkt, als er seine Habilitation abschloss. „Am Ende muss einfach alles zusammenpassen“, erklärt er. Thematisch, zeitlich und persönlich – all diese Faktoren kamen zusammen, und Strube erhielt den Ruf nach Innsbruck. Die Stiftungsprofessur folgt einem in Österreich verbreiteten Modell: Ein Unternehmen stellt einer Universität für fünf Jahre Mittel zur Verfügung, um eine neue Professur zu etablieren. Nach dieser Zeit wird die Stelle von der Universität übernommen. Dennoch ist der Professor frei in der Gestaltung seiner Schwerpunkte und Forschungsprojekte.
Seit Ende 2020 lebt Oliver Strube mit seiner Familie in Innsbruck. Seine Lebensgefährtin, ebenfalls promovierte Chemikerin, arbeitet im Bereich Technologietransfer. Das Paar hat zwei Kinder im Alter von drei und neun Jahren, wobei der jüngere Sohn erst in Innsbruck geboren wurde. An Innsbruck schätzt Strube besonders die hohe Lebensqualität: „Wenn man morgens runterfährt, dann sieht man immer das ganze Panorama; und es sieht jeden Tag anders aus.“ Die Stadt bietet aus seiner Sicht eine angenehme Mischung aus urbaner Atmosphäre und Nähe zur Natur. „Man braucht nur eine halbe Stunde zu fahren, dann ist man wirklich im klassischen Tirol“, schwärmt er. Auch die zentrale Lage in Europa begeistert ihn: „Man kommt eigentlich überall hin, man kommt ganz schnell zum Gardasee, nach Norditalien, man kommt auch schnell in die Schweiz oder nach München.“
An der Universität Innsbruck arbeitet Strube übergreifend in der technischen Chemie, der Beschichtungstechnologie und den Materialwissenschaften. Seine Forschung konzentriert sich auf innovative Beschichtungssysteme mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft und bio-inspirierte Ansätze. Ein besonders erfolgreiches Projekt ist die „Debonding on Demand“-Technologie, die eine gezielte Enthaftung von Lacken ermöglicht – inspiriert von der Häutung von Schlangen. Diese Technologie könnte einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten, da sie die Wiederverwendung von Kompositmaterialien erleichtert. Die enge Kooperation mit dem Industriepartner Adler sieht Strube als großen Vorteil: „Wenn ich eine Projektidee habe und zu Adler gehe und frage: Was haltet ihr davon? Wollen wir das zusammen machen? Dann war die Resonanz bisher immer sehr positiv.“
Veranstaltungstipp: Nachhaltig formulieren
Die virtuelle FARBE UND LACK // KONFERENZ „Nachhaltig formulieren mit neuen, bio-basierten Additiven“ am 02.12.2025 wird die neuesten Trends und Technologien im Bereich der nachhaltig formulierten Produkte untersuchen, mit besonderem Fokus auf die vielversprechendsten bio-basierten Additive und die bestehenden Herausforderungen. Die Teilnehmer erhalten Einblicke in neue Alternativen und Innovationen, die darauf abzielen, die Anforderungen an verbesserte Leistung, Nachhaltigkeit und die Einhaltung von Umweltstandards zu erfüllen.
Blick in die Zukunft
Nach fast fünf Jahren in Innsbruck steht Strube nun am Ende der Stiftungsphase seiner Professur. Die Evaluation seiner Arbeit steht an, aber er blickt optimistisch in die Zukunft. Es gibt viele Perspektiven für laufende und neue Projekte.
Langfristig kann er sich gut vorstellen, in Innsbruck zu bleiben. „Es müsste schon recht viel kommen, dass es attraktiver wird als das hier“, sagt er. Die Kombination aus spannender Forschung, kooperativem Umfeld und hoher Lebensqualität überzeugt ihn. Zudem spielt auch der familiäre Aspekt eine wichtige Rolle. Der Umzug von Paderborn war bereits weit, obwohl das deutschsprachige Umfeld geblieben ist. Es darf nun also gern etwas Beständigkeit her.
Oliver Strube hat in Innsbruck offenbar gefunden, wonach er gesucht hat: eine Position, die wissenschaftliche Exzellenz mit praktischer Relevanz verbindet – in einem Umfeld, das sowohl beruflich als auch privat erfüllend ist. Sein Weg vom grundlagenorientierten Polymerchemiker zum anwendungsorientierten Lackforscher zeigt, dass Durchhaltevermögen und Intuition zu einer erfolgreichen Karriere führen – und manch glücklicher Zufall dabei nicht schadet.