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Bautenfarben: „Die Wege zur Dekarbonisierung sind vielfältig“
Im Interview spricht Philipp Wenzel, Chief Solution Officer bei J.W. Ostendorf, über die aktuellen Trends bei Bautenfarben – von konservierungsmittelfreien Innovationen bis hin zur Dekarbonisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Er erklärt, wie das Unternehmen, welchen Einfluss die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) auf die Branche hat und welche Rolle Digitalisierung und KI-gestützte Entwicklungstools für eine nachhaltige Zukunft spielen
Welche nachhaltigen Entwicklungen gibt es aktuell bei Bautenfarben?
Phillip Wenzel: Als europäischer Hersteller von Farben und Lacken beobachten wir eine deutliche Verstärkung zweier nachhaltigkeitsorientierter Trends, die unsere Branche zunehmend prägen. Zum einen gewinnt die Konservierung von wasserbasierten Farben zunehmend an Bedeutung. Die Herausforderung bei Konservierungsmitteln – sichere und stabile Systeme zu entwickeln – wächst kontinuierlich. Grund dafür sind sowohl strengere gesetzliche Vorgaben, die Art und Menge der eingesetzten Stoffe einschränken, als auch die zunehmende Resistenz von Mikroorganismen, welches einen stärkeren Schutz der Farbe erforderlich macht. Gleichzeitig steigt die Nachfrage der Endverbraucher nach allergikerfreundlichen Produkten, bedingt durch eine wachsende Sensibilität gegenüber gesundheitlichen Aspekten.
Deutschland, als Heimat konservierungsmittelfreier Farben, bietet uns als Produktionsstandort einen entscheidenden Vorteil: Aufgrund unserer intensiven Forschungs- und Entwicklungsarbeit in den vergangenen Jahren, sehen wir uns bestens für diese Herausforderungen gerüstet – besonders im internationalen Wettbewerb. Mit „Cosmos“ haben wir eine wegweisende Technologieplattform für konservierungsmittelfreie Farben entwickelt. Diese Plattform bildet die Grundlage unsere vielschichtigen Systeme qualitativ hochwertig, kosteneffizient und besonders sicher zu produzieren. Wir erweitern Cosmos kontinuierlich auf neue Geschäftsfelder. Neben weißen und bunten Innenfarben haben wir bereits ein innovatives, konservierungsmittelfreies Tintingsystem eingeführt. Ein besonderes Highlight steht in diesem Jahr bevor: der Launch unseres ersten konservierungsmittelfreien Lackes.
Der zweite Trend betrifft die Dekarbonisierung der Farbenindustrie. Insbesondere durch die 2024 in Kraft getretene Vorgabe zur Erstellung einer Corporate Sustainability Reporting Directive (kurz: CSRD) sind alle Beteiligten der Wertschöpfungskette verpflichtet, ihren Product Carbon Footprint (kurz: PCF) sichtbar zu machen und zu reduzieren. Da aktuell ca. 98 % der Emissionen im Scope-3-Bereich aus Handelssicht anfallen, haben wir bedeutende Hebel, um zur CO2-Reduktion bei unseren Kunden beizutragen. Die Wege zur Dekarbonisierung sind vielfältig, und wir verfolgen einen datengetriebenen sowie technologieoffenen Ansatz, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Wir haben bereits sehr positive Ergebnisse beim Einsatz biobasierter Systeme erzielt und sehen weitere Potenziale in der Optimierung der Wertschöpfungskette, um den PCF weiter zu reduzieren. Bereits heute zeigt sich, dass der PCF neben dem Preis und Performance die dritte entscheidende Säule sein wird, um zukünftige Marktanteile zu gewinnen.
Veranstaltungstipp: Innovative Bautenfarben
Die FARBE UND LACK // KONFERENZ „Bautenfarben – Innovative Lösungen“ am 26. und 27.06.2025 in Essen wird die neuesten Trends und Technologien im Bereich der Bautenfarben beleuchten, wobei der Fokus darauf liegt, welche Materialien und Methoden am vielversprechendsten sind und welche Herausforderungen bestehen bleiben. Die Teilnehmer erhalten Einblicke in neue Alternativen und Innovationen, die darauf abzielen, den Anforderungen an verbesserte Leistung, Nachhaltigkeit und die Einhaltung von Umweltstandards gerecht zu werden.
Welche Rolle spiel die Digitalisierung in der Entwicklung?

Wenzel: Die Entwicklung von Farben und Lacken erfordert seit jeher eine enge Verzahnung von Daten, Prozessen und kontinuierlichem Lernen, um Preis, Leistung, Kennzeichnungskriterien und Nachhaltigkeitsaspekte optimal zu berücksichtigen. Lernkurven entstehen dabei nicht nur in der eigentlichen Produktentwicklung, sondern auch beim Scale-up in der Produktion sowie während des gesamten Produktlebenszyklus, etwa bei der Stabilität der Produkte nach der Herstellung. Diese Voraussetzungen schaffen ideale Bedingungen für die Digitalisierung von Prozessen, die effizientere Gestaltung von Entwicklungsschritten und die klarere Visualisierung von Daten.
Derzeit implementieren wir ein neues AI-Entwicklungstool, das die beschriebenen Datensätze intelligent nutzt und unserem Entwicklungsteam als digitaler Assistent zur Seite steht. Ziel ist es, repetitive Tätigkeiten zu minimieren, Entwicklungszeiten zu verkürzen, Entscheidungen effizienter zu treffen und Daten übersichtlicher darzustellen. Neben den lernenden Systemen in unserem Unternehmen liegt der Fokus im nächsten Schritt auf dem Ausbau der Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette – sowohl mit unseren Kunden als auch mit unseren Lieferanten. Ziel ist es, bestehende Schnittstellen weiter zu nutzen und zu erweitern. So möchten wir beispielsweise Rohstoffdaten und insbesondere Carbon-Footprint-Daten in Echtzeit in unsere Formulierungsprozesse integrieren, um noch effizienter und schneller mit unseren Partnern zusammenzuarbeiten.