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Nachhaltigkeit: „Ein unklarer regulatorischer Rahmen stellt eine der größten Herausforderungen dar“
Dr. Felix Lauterbach, Global Sustainability Manager Dispersions & Resins bei BASF, spricht über die größten Herausforderungen und Chancen im Bereich Nachhaltigkeit für die Lack- und Beschichtungsindustrie. Dabei geht es um regulatorische Unsicherheiten, die Verfügbarkeit nachhaltiger Rohstoffe und Technologien wie Mass Balance und chemisches Recycling. Interview von Vanessa Bauersachs
Wie schätzen Sie die Lackindustrie im Vergleich zu anderen Branchen in Bezug auf Nachhaltigkeit ein?

Dr. Felix Lauterbach: Die Lackindustrie hat in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit gemacht, insbesondere durch den vermehrten Einsatz wasserbasierter Systeme und emissionsarmer Technologien. Die Branche bewegt sich jedoch in einem Spannungsfeld: Einerseits bestehen starke regulatorische Anforderungen, andererseits ist der Preisdruck hoch. Gleichzeitig steigen die Erwartungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, etwa hinsichtlich CO₂‑Reduktion, Kreislaufwirtschaft und dem Einsatz erneuerbarer Rohstoffe. Auch Kunden priorisieren zunehmend CO₂‑Reduktion als wichtiges Nachhaltigkeitskriterium, was im engen Austausch mit dem Markt deutlich sichtbar wird. Insgesamt zeigt die Lackindustrie heute eine hohe Dynamik in nachhaltigen Innovationen, steht aber weiterhin vor der Aufgabe, diese Technologien in allen Anwendungsgebieten kostengünstig verfügbar zu machen.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Chancen, die Branche noch nachhaltiger zu gestalten?
Lauterbach: Ein unklarer regulatorischer Rahmen stellt eine der größten Herausforderungen dar, da er Investitions- und Planungssicherheit erschwert. Hinzu kommt der Bedarf gemeinsamer Standards, etwa im Rahmen von Together for Sustainability (TfS), um Nachhaltigkeit international vergleichbar zu machen. Gleichzeitig ist die Transparenz entlang der Wertschöpfungskette entscheidend – nur wenn Daten zu CO₂‑Fußabdrücken und Herkunft zuverlässig vorliegen, können Hersteller fundierte Entscheidungen treffen.
Eine weitere zentrale Herausforderung ist die Verfügbarkeit nachhaltiger Rohstoffe in ausreichender Menge und Qualität, insbesondere im Bereich biobasierter und recycelter Ausgangsstoffe. Hier spielt der Ausbau der Infrastruktur eine ebenso große Rolle wie die Kostenstruktur alternativer Feedstocks. Eine große Chance besteht in der Skalierung von Technologien wie Mass Balance und chemischem Recycling, die bereits zu messbaren CO₂‑Reduktionen führen können. Ebenso wichtig sind Innovationen in Formulierungstechnologien, um biozidarme oder biozidfreie Produkte zu ermöglichen, wie es in mehreren Projekten bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Insgesamt bestehen für die Branche große Chancen, sich durch nachhaltige Lösungen klar zu differenzieren.
Wo sehen Sie die stärkste Nachfrage nach Nachhaltigkeit, und wie formt dies BASFs regionale Strategien?
Lauterbach: Die stärksten Impulse kommen derzeit eindeutig vom Markt: Viele Kunden – vor allem in Europa, aber zunehmend auch in Asien und Nordamerika – erwarten Lösungen, die CO₂‑Reduktion ermöglichen und Kreislaufwirtschaft unterstützen. In Europa stehen besonders ambitionierte Nachhaltigkeitsziele im Vordergrund, während in Asien die Nachfrage nach zirkulären Lösungen deutlich zunimmt. Nordamerikanische Kunden legen großen Wert auf robuste, nachvollziehbare CO₂‑Daten.
Diese Marktanforderungen prägen direkt unsere regionale Ausrichtung, etwa durch den globalen Ausbau massenbilanzierter Produkte und die Anpassung unserer Portfolio‑ und Produktionsschwerpunkte. So können wir die spezifischen Erwartungen jeder Region gezielt bedienen und gleichzeitig weltweit eine konsistente Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen.
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Nachhaltigkeitsinitiativen, geht es primär um CO₂-Reduktion oder gibt es andere wichtige Metriken?
Lauterbach: Wir verfolgen eine ganzheitliche Betrachtung, die aus mehreren zentralen Bausteinen besteht: CO₂‑Reduktion, Anteil nachhaltiger Rohstoffe (erneuerbar oder recycelt), Nutzung grüner Energie, sowie regulatorische Konformität. Ergänzend bewerten wir die Wirksamkeit unserer Kundenangebote – etwa die nachweisbare Senkung von CO2-Fußabdrücken durch Mass‑Balance‑Lösungen, grüne Energie oder alternative Rohstoffe. Ebenso fließen toxikologische Verbesserungen, darunter die Reduktion sensibilisierender Stoffe und die Entwicklung biozidfreier Systeme, in die Bewertung ein. Unser Ziel ist ein KPI‑Set, das ökologische, ökonomische und regulatorische Dimensionen gleichermaßen abbildet.
Massenbilanzierung hat in der Branche einen teils umstrittenen Ruf. Welche Kritikpunkte hören Sie am häufigsten?
Lauterbach: Ein häufiger Kritikpunkt betrifft Missverständnisse: Viele Kunden gehen davon aus, dass jede Komponente physisch ersetzt wird, obwohl das Prinzip auf Attribution am Anfang der Wertschöpfungskette basiert. Zudem wünschen sich manche Marktteilnehmer eine vollständig segregierte Lieferkette, die jedoch in integrierten und komplexen Wertschöpfungsketten technisch wie wirtschaftlich nicht realisierbar wäre und dem Kundenwunsch nach einer skalierbaren, kosteneffizienten Transformation entgegensteht.
Weitere Diskussionen drehen sich darum, ob Mass Balance ausreichende Investitionsanreize für erneuerbare Rohstoffe setzt oder ob stärker unmittelbar nachvollziehbare Produktlösungen bevorzugt werden sollten. Auch unterschiedliche Zertifizierungssysteme führen zu Verwirrung, da sie sich in Logik und Komplexität teils deutlich unterscheiden.
Welche praktischen Vorteile würden Sie sagen, bietet Mass Balance der Industrie?
Lauterbach: Der größte Vorteil besteht darin, dass nachhaltige Rohstoffe in bestehende Produktionsverbünde integriert werden können, ohne neue Anlagen oder separate Prozesse aufbauen zu müssen und ohne wertvolle Laborressourcen zu belegen. Dadurch lassen sich nachhaltige Produkte schnell und global skalieren und stellen immer sogenannte „Drop-in-Lösungen“ dar, da sie chemisch identisch zu den konventionellen Produkten sind.
Das reduziert nicht nur Kosten, sondern auch Entwicklungs‑ und Markteinführungszeiten. Gleichzeitig ermöglicht die durch externe Zertifizierung verifizierte Massenbilanzierung erheblich reduzierte CO₂‑Fußabdrücke, insbesondere beim Einsatz recycelter oder biobasierter Feedstocks aus etablierten Lieferketten. Kunden profitieren zudem von einem zertifizierten Nachweis und hoher Versorgungssicherheit, da Produkte weltweit an verschiedenen BASF‑Standorten verfügbar sind. Für viele Anwendungen stellt Mass Balance daher einen pragmatischen Weg dar, nachhaltige Lösungen schnell und verlässlich in die Breite zu bringen.