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Fraunhofer WKI: „Die Bereitschaft zur Innovation ist groß“
Prof. Raoul Klingner ist neuer Leiter des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung WKI und Professor an der TU Braunschweig. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Farben- und Lackindustrie für das Institut, biobasierte Beschichtungen, regulatorische Entwicklungen und den Einsatz von KI. Das Interview führte Kirsten Wrede.
Herr Professor Klingner, Sie sind seit Kurzem offiziell Leiter des Fraunhofer WKI. Welche Schwerpunkte möchten Sie in der Zusammenarbeit mit der Farben- und Lackindustrie setzen?
Prof. Raoul Klingner: Diese Branche ist ein für uns sehr wichtiges Marktsegment, das uns am Herzen liegt. Verbunden mit unserem Kernthema Holz und nachwachsende Rohstoffe, sind Beschichtungen für uns eine wichtige Produktkombination. Die Trends sind klar: Wie kann man Beschichtungen funktionalisieren? Welche funktionalen Beschichtungen eröffnen neue Möglichkeiten und Technologien? Dazu gehören Themen wie Flammschutz, UV-Schutz oder antimikrobielle Eigenschaften. Gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit biobasierten Additiven, biobasierten Bindemitteln, lösemittelfreien Beschichtungen und nachhaltigen Lösungen für Möbel- und Bauanwendungen. Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist Mycel: Uns interessiert aktuell, wie wir Beschichtungen gezielt durch Melanisierung durch Pilze ausrüsten können und damit Erfindungen der Natur für technische Systeme nutzbar machen.
Wie groß ist derzeit die Bereitschaft der Industrie, gemeinsam mit Forschungseinrichtungen an solchen Innovationen zu arbeiten?
Klingner: Die Bereitschaft und das Interesse sind groß. Gleichzeitig spüren wir, wie viele Unternehmen, die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten. Kostendisziplin spielt derzeit eine große Rolle. Für uns bedeutet das, dass unsere Forschungsdienstleistungen bezahlbar bleiben müssen. Die Kund:innen müssen mit unseren Leistungsangeboten und den Innovationen, die wir gemeinsam entwickeln, Geld verdienen können. Dennoch sind die Themen drängend – von Biobasierung über Funktionalisierung bis hin zur Qualitätssicherung. Innovation ist die einzige Chance für uns in Deutschland und Europa gegen Wettbewerb aus anderen Kontinenten. Deshalb erleben wir bei unseren Partnern weiterhin eine hohe Ambition und eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Welche regulatorischen Entwicklungen werden die Branche aus Ihrer Sicht besonders beschäftigen?
Klingner: Diskutiert wird unter anderem die Melaminfreiheit bei Imprägnierharzen. Ich glaube nicht, dass das übermorgen realisiert wird, aber es gibt auf europäischer Ebene Studien und Anzeichen, dass man dort hinkommen will. Wir müssen uns praktisch vorbereiten auf etwas, das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kommt. Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance für uns, schneller zu sein als andere Wettbewerber und Marktvorteile zu gewinnen. Darüber hinaus wird die Harmonisierung der europäischen Bauproduktenverordnung ein großes Thema. Das ist zunächst eine große Chance für den europäischen Binnenmarkt. Welche konkreten Anforderungen sich daraus ergeben, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.
Nachhaltigkeit und Rohstoffsicherheit stehen derzeit ebenfalls stark im Fokus. Welche Rolle spielen biobasierte Rohstoffe dabei?
Klingner: Aus meiner Sicht muss es Ziel sein, dass wir uns eine gewisse Rohstoffsouveränität erhalten oder erarbeiten. Die biobasierte Chemie bedeutet, dass wir Grundstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gewinnen können, die hier verfügbar sind. Das verbinde ich unmittelbar mit Ressourcensouveränität. Wir verringern Abhängigkeiten in Lieferketten und werden resilienter. Ich glaube, dass dieses Thema in den nächsten Jahren einen wichtigen politischen Stellenwert bekommen wird. Wenn der Weg dazu ist, Dinge biobasiert zu machen und das klug mit einer gewissen Regulatorik begleitet wird, ist das eine Chance für die hiesigen Unternehmen.
Welche Bedeutung haben Digitalisierung und Künstliche Intelligenz für das WKI?
Klingner: Digitalisierung, Machine Learning und Künstliche Intelligenz betreffen und transformieren eigentlich alle Themen. Deshalb verfolgen wir zwei Strategien. Erstens stellen wir unseren Mitarbeitenden Werkzeuge zur Verfügung, damit jeder ausprobieren kann, welchen Nutzen KI für die eigene Fragestellung bietet – von neuen Ideen bis zur Verschlankung von Verwaltungsprozessen. Zweitens setzen wir konsequent auf Zusammenarbeit innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft. Wir nennen das unsere ‚WKI plus X‘-Strategie. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz rund um Holz, Beschichtungen und nachwachsende Rohstoffe und holen Partner dazu, wenn zusätzliche Expertise, etwa im Bereich KI, benötigt wird. So können wir Unternehmen maßgeschneiderte Lösungen anbieten, die wir alleine nicht leisten könnten.
Wie wollen Sie das Fraunhofer WKI künftig als Partner der Industrie positionieren?
Klingner: Unsere Mission ist es, den Unternehmen das beste Angebot zu machen, das sie bekommen können. Deshalb arbeiten wir sowohl in gemeinsamen Forschungsprojekten als auch in exklusiven Entwicklungsaufträgen. Darüber hinaus unterstützen wir Unternehmen mit Qualitätskontrollen, Schadensanalysen oder Langzeitprüfungen. Wir versuchen, ein breites Spektrum anzubieten, das einen echten Mehrwert darstellt. Wichtig ist uns dabei auch der Dialog mit der Industrie. Deshalb kann ich nur alle einladen, mit uns in Kontakt zu treten.