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Fraunhofer IPA: „Am spannendsten ist das Zusammenführen von Kompetenzen“
Das Direktorat „Oberflächen und Materialien“ des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) stellt sich strategisch neu auf: Dr. Oliver Tiedje hat die Leitung des Direktorats und des Geschäftsbereichs „Beschichtungen und multifunktionale Materialien“ übernommen. Gemeinsam mit Dr. Volker Wegmann, neuer Leiter des Forschungsbereichs Oberflächenverfahren, -technik und Materialien, gibt er Einblicke in die Umstrukturierung und die künftige Ausrichtung des Instituts. Das Interview führte Redakteurin Kirsten Wrede.
Wie ist die neue Struktur im Bereich Oberflächen- und Beschichtungstechnik am Fraunhofer IPA aufgebaut?

Oliver Tiedje: Wir haben uns schon seit einiger Zeit Gedanken gemacht, wie die Zukunft der Oberflächen- und Beschichtungstechnik am IPA aussehen soll. Das IPA bearbeitet schließlich noch viel mehr Themen neben der Beschichtungstechnik. Wir haben nun ein neues Modell aufgesetzt, das zwischen Forschungs- und Geschäftsbereichen unterscheidet.
Ich habe den Geschäftsbereich übernommen, der für die Außendarstellung, das Operative und die Projektkontrolle zuständig ist. Diese Rolle werde ich auch weiterhin behalten.
Dr. Volker Wegmann ist Leiter des Forschungsbereichs Oberflächenverfahren, -technik und Materialien. Beide Bereiche werden in einem Direktorat zusammengefasst, dessen wissenschaftlicher Direktor ich künftig bin.
Vielleicht sollte man den Begriff „Beschichten“ in diesem Zusammenhang noch mal präzisieren. Dazu gehört bei uns alles, was sich um die Beschichtungsmaterialien und -prozesse sowie das Prüfen und Testen von Beschichtungen und Beschichtungsmaterialien kümmert. Dazu gehört auch die Galvanik.
Volker Wegmann: Im Forschungsbereich befinden sich alle Mitarbeitenden, inklusive Personalverantwortung und Infrastruktur, der Geschäftsbereich ist dagegen mehr für das Operative zuständig. Das ist momentan die grobe Aufteilung. Jedes Direktorat unterteilt sich Geschäfts- und einen Forschungsbereiche. Der Forschungsbereich in der Oberflächentechnik besteht aus fünf Forschungsteams, der Geschäftsbereich aus drei Geschäftssegmente.
Welche thematischen Schwerpunkte wollen Sie mit der Neustrukturierung künftig stärker sichtbar machen?
Oliver Tiedje: Wir wollen noch stärker auch die Zukunftsthemen, die die Beschichtungstechnik berühren, nach außen hin darstellen.
Die erste wichtige Säule ist das Thema Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit. Das gilt sowohl für die Lackseite, beispielsweise biobasierte Lacke oder Niedertemperaturlacke, als auch für die Prozessseite, also energieeffizientes, lacksparendes Beschichten. Auch Kreislaufprozesse spielen eine immer größere Rolle.
Die zweite wichtige Säule ist das Thema Digitalisierung und Automatisierung. Hinsichtlich Automatisierung sehe ich vor allem Potential bei den Lackierprozessen. Da gibt es viele manuelle Beschichtungsprozesse, gerade in kleineren Unternehmen.
Und dann haben wir noch die multifunktionalen Materialien. Hier stellt sich die Frage, was ein Lack noch leisten kann, außer den zwei Grundaufgaben, zu schützen und zu dekorieren. Hier beschäftigen wir uns beispielsweise mit Anti-Eis- oder selbstheilende Beschichtungen. Hier ist die Bandbreite dessen, was möglich ist, sehr groß.
Spüren Sie aktuell Auswirkungen der Krise in der Automobilindustrie auf Ihre Projektlandschaft?
Oliver Tiedje: Ja, ich würde schon sagen, dass unsere Projekte sich immer breiter über verschiedene Branchen verteilen. In unserem Lackiertechnikum, welches sozusagen die Seele im Bereich der Beschichtungsprozesse ist, laufen seit Längerem nicht mehr hauptsächlich Fahrzeugkarosserien, sondern auch Edelsteine, Kunststoffteile, Maschinenbaukomponenten, optische Komponenten und auch Konsumgüter verschiedenster Art.
Das Schöne an dieser Querschnittstechnologie ist, dass man die Beschichtungstechnik sehr gut auf andere Themen übertragen kann.

Volker Wegmann: Ich glaube nicht, dass wir durch die Automobilindustrie einen riesigen Einbruch erfahren haben, da wir unser Portfolio schon in den letzten Jahren sehr breit aufgestellt haben. Natürlich merkt man es, aber nicht in dem Maße, wie z.B. jemand, der komplett von der Automobilindustrie abhängig ist.
Welche Auswirkungen hat die Neustrukturierung auf die Belegschaft?
Oliver Tiedje: Alle Mitarbeitenden bleiben weiterhin an Bord und werden nur anders zugeordnet. Die Projekte laufen alle weiter.
Langfristig wollen wir die Umstrukturierung nutzen, um unsere Kompetenzen noch weiter auszubauen und dort zu wachsen. Zugegebenermaßen rechne ich nicht unbedingt damit, dass 2026 ein großes Wachstumsjahr für uns wird, aber danach wäre das schon das Ziel.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten in Ihren neuen Rollen?
Oliver Tiedje: Am spannendsten finde ich dieses Zusammenführen von verschiedenen Kompetenzen – dass wir vieles zusammenlegen, vielleicht ganz Neues generieren können und noch mehr Anwendungen aus unseren Kompetenzen gewinnen können.
Wir verfügen z.B. über viele Patente und würden diese gerne nutzen, um ganz neue Anwendungen zu finden. Eines der großen neuen Themen ist dabei Embodied AI, also die Idee, der AI einen Körper zu geben.
Volker Wegmann: Mit Sicherheit erst mal spannend ist der Übergang von der alten in die neue Struktur. Das ist mit Arbeit verbunden, logischerweise müssen relativ viele Gespräche geführt werden. Den Mitarbeitenden die Möglichkeiten zu geben, in andere Bereiche reinzugehen und in anderen Projekten mitzuarbeiten, das sind Themen, die wir angehen müssen.