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Biobasierte Beschichtungen: „Das größte Potenzial liegt in Polymeren für Innenwandfarben“

Biobasierte Rohstoffe: Nachhaltigkeit und Leistung im Wandel. In diesem Interview erklärt Eugénie Charrière, Director Strategic Marketing & Business Excellence bei Ecoat, warum biobasierte Bindemittel in Architektur- und Industriebeschichtungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Interview von Kirsten Wrede

Biobasierte Rohstoffe: Nachhaltigkeit und Leistung im Wandel.
Biobasierte Rohstoffe: Nachhaltigkeit und Leistung im Wandel. Quelle: The 2R Artificiality – stock.adobe.com, KI-generiert

Welche Klassen biobasierter Rohstoffe haben das größte Potenzial für Hochleistungs-Beschichtungsanwendungen – und warum?

Eugénie Charrière, Director Strategic Marketing & Business Excellence bei Ecoat. Quelle: Ecoat
Eugénie Charrière, Director Strategic Marketing & Business Excellence bei Ecoat. Quelle: Ecoat

Eugénie Charrière: Das größte Potenzial liegt in Polymeren für Innenwandfarben. Tatsächlich werden die meisten leistungsstarken Architektur-Beschichtungen mit wasserbasierten Acrylbindemitteln formuliert. Diese Harze stammen traditionell aus petrochemischen Quellen und benötigen häufig Filmbildner (Koaleszenzmittel), um einen geeigneten Film auszubilden – was zusätzliche VOC-Emissionen verursacht. Verbraucher wünschen sich jedoch gesündere Produkte und eine bessere Raumluftqualität durch biobasierte Farben mit niedrigen oder gar keinen VOCs.

Wir bieten leistungsstarke Alternativen an, beispielsweise ein biobasiertes Alkyd-Bindemittel mit 98 % biobasierten Rohstoffen, das keinerlei Koaleszenzmittel benötigt. Es wird in hochwertigen, leicht zu reinigenden Wandfarben mit hoher Flecken- und Scheuerbeständigkeit eingesetzt und kann auch mit Acrylharzen kombiniert werden, um Verarbeitbarkeit und Offenzeit zu verbessern. Sein negativer CO₂-Fußabdruck ermöglicht eine Reduktion der CO₂-Emissionen um bis zu 35 % im Vergleich zu styrolacrylbasierten Farben.

Welche technischen Zielkonflikte treten auf, wenn der Anteil biobasierter Bestandteile in Beschichtungsbindemitteln erhöht wird – insbesondere hinsichtlich Haltbarkeit und Langzeitperformance?

Charrière: Nach vielen Jahren Forschung haben wir spezielle Zusammensetzungen und Prozess-Know-how entwickelt, die es dem Unternehmen ermöglichen, wasserbasierte Harze mit niedrigem VOC-Gehalt und einem biobasierten Anteil von 47 % bis 98 % anzubieten – bei einer Dekarbonisierung des Bindemittels von bis zu 113 %.

Diese hohen biobasierten Anteile, die deutlich über denen der meisten derzeit verfügbaren Produkte liegen, gehen nicht mit technischen Nachteilen einher. Wie in der Umweltproduktdeklaration hervorgehoben wird, bieten unsere wasserbasierten biobasierten Alkydemulsionen und wasserbasierten polyurethanmodifizierten Alkyddispersionen eine ähnliche Haltbarkeit und Langzeitperformance wie ihre wasserbasierten petrochemischen Pendants.

Welche Leistungslücken zwischen biobasierten und konventionellen Beschichtungen benötigen Ihrer Meinung nach noch die meiste Forschungsarbeit?

Charrière: Ein großer Teil der Korrosionsschutzbeschichtungen für Heimwerker- und allgemeine Industrieanwendungen ist nach wie vor lösemittelbasiert und verwendet VOC-reiche konventionelle petrochemische Bindemittel. Gleichzeitig wächst jedoch der Bedarf an VOC-armen Direct-to-Metal-(DTM)-Lösungen ohne Leistungseinbußen. Wir haben neue polyurethanmodifizierte Dispersionen entwickelt, darunter ein VOC-armes und zu 47 % biobasiertes Harz speziell für wasserbasierte DTM-Anwendungen. Es ist so hydrophob, dass es in Beschichtungen eingesetzt werden kann, die eine Korrosionsbeständigkeit nach C3/C4 erreichen – sogar ohne Korrosionsschutzpigmente, was bemerkenswert ist.

Formulierungen ohne Korrosionsschutzpigmente sind natürlich kostengünstiger und benötigen keine Sicherheitskennzeichnungen, die durch solche Pigmente ausgelöst würden. Zudem ist eine Dekarbonisierung der Beschichtung um bis zu 40 % ein großer Vorteil.

Wie beeinflussen die sich wandelnden regulatorischen Anforderungen in Nordamerika und Europa die technischen Prioritäten bei der Entwicklung biobasierter Beschichtungen?

Charrière: In den vergangenen zehn Jahren ist die Nachfrage nach umweltfreundlichen Beschichtungen stark gestiegen – angetrieben durch Verbraucher sowie neue Regulierungen wie den EU Green Deal und die verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD).

Die Anforderungen der CSRD haben deutlich gemacht, dass Rohstoffe bei Farbenherstellern mit Abstand die größte Quelle von CO₂-Emissionen darstellen. Der Wechsel von petrochemischen zu biobasierten Rohstoffen ist daher ein zentraler Hebel zur Dekarbonisierung. Lebenszyklusanalysen (LCA) müssen die Reduktion des CO₂-Fußabdrucks bestätigen, während Labels (z. B. Ecolabel, BioPreferred) und Zertifizierungen (LEED) ökologisches Produktdesign fördern.

Auch wenn sich die Prioritäten zuletzt in der EU und Nordamerika verändert haben, ist die Nachfrage der Verbraucher weiterhin vorhanden und noch nicht gedeckt. Hinzu kommt, dass China derzeit CSRD-ähnliche Berichtspflichten einführt, was den globalen Trend zu Beschichtungen mit niedrigem CO₂-Fußabdruck weiter verstärkt. Der Wandel könnte sich in westlichen Ländern vorübergehend verlangsamen – aber er findet statt und wird weiter zunehmen.

Veranstaltungstipp

Die European Coatings Sustainable Coatings Conference, die am 3. und 4. November in Amsterdam (Niederlande) stattfindet, bietet praxisnahe Einblicke in CO₂-arme Technologien, Ansätze der Kreislaufwirtschaft, biobasierte und wasserbasierte Systeme sowie robuste Bewertungsmethoden wie LCA und Mass-Balance-Ansätze.

Erfahren Sie, wie die Branche auf regulatorischen Druck, Kundenerwartungen und Materialengpässe reagiert – und wie Nachhaltigkeit zu einem messbaren Geschäftsvorteil statt zu einer bloßen Compliance-Aufgabe werden kann.