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Interview: Nachhaltigkeit und Geschäft vereinen
Beckers hat Nachhaltigkeit fest in der Unternehmensstrategie verankert. Pia Götze, President Europe & Africa bei Beckers, gibt Einblicke, wie sich das schwedische Familienunternehmen auf die Herausforderungen der Branche einstellt und welche Rolle Messbarkeit, Zertifikate und innovative Technologien spielen. Interview von Vanessa Bauersachs
Beckers setzt einen großen Fokus auf Nachhaltigkeit. Wie hat da alles begonnen?

Pia Götze: Nachhaltigkeit bei Beckers geht weit zurück, lange vor meiner Zeit. Entscheidend ist unsere Herkunft: Wir sind ein schwedisches Familienunternehmen, im Besitz von Jenny Lindén Urnes. Sie verfolgt eine klare Agenda und ist tief davon überzeugt, dass sie mit unserem Unternehmen die Coating-Welt positiv beeinflussen kann. Das ist fest in unserer DNA verankert. Operationalisiert wurde das Ganze vor etwa 10 Jahren. Seitdem verfolgen wir eine Nachhaltigkeitsagenda mit klar definierten Zielen in drei Bereichen: People, Products und Operations.
Im Bereich People liegt der Fokus auf Sicherheit, Engagement, Vielfalt, Mental-Health-Initiativen und weiteren sozialen Themen. Im Bereich Produkte spielt der Beckers Sustainability Index (BSI) eine zentrale Rolle, ergänzt durch Themen wie SBTi sowie die Entwicklung neuer Produkte und der dafür erforderlichen Technologien. Im operativen Bereich berücksichtigen wir Aspekte wie Recycling, Abfallmanagement, erneuerbare Energien und Wasserverbrauch.
Die Agenda beinhaltet wie schon erwähnt klar definierte Ziele und Meilensteine. Nachhaltigkeit fließt zudem in das Bonussystem der Führungskräfte ein. Ein Prozentsatz des Bonus hängt direkt von der Erreichung dieser Ziele ab, was das Thema greifbar macht. Im Bereich R&D und Sales kennen alle Mitarbeitenden ihre BSI-Werte und arbeiten aktiv daran, ihre Ziele zu erreichen. Der BSI-Wert wird auch für die Produkte einzelner Kunden berechnet und von denen genau verfolgt.
Besonders wichtig ist das Value-Creation-Modell unserer Muttergesellschaft Lindéngruppen. Dieses Modell monetarisiert den Einfluss des Unternehmens auf sechs Bereiche: Net Profit als Ausgangsbasis, Gesellschaft (z. B. Steuern, Living Wage), Umwelt (CO₂-Emissionen, Abfall) und People (Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Geschlechtervielfalt) als Einflussgrößen bestimmen den True Value als obersten KPI, an dem wir gemessen werden.
Messbarkeit ist also ein zentraler Punkt?
Götze: Absolut. Wir haben unsere Green-Lights-Strategie im Vorstand formuliert. Das Herzstück ist, Nachhaltigkeit eng mit dem Geschäft zu verknüpfen. Es geht nicht um ein entweder/oder, ein rechts oder links, sondern darum, Nachhaltigkeit integriert entlang aller Geschäftsprozesse zu denken und die verschiedenen Ziele miteinander zu verbinden. Das muss kein Widerspruch sein. Zielkonflikte zwischen Preis, Volumen, EBIT und Cash gehören seit jeher zum Geschäft. Jetzt, da CO₂ und BSI dazukommen ist es für mich besonders spannend und motivierend, alle Faktoren im operativen Geschäft in Einklang zu bringen.
Welche Rolle spielen Environmental Product Declarations (EPD) und andere Zertifikate?
Götze: Wir haben uns zur SBTi verpflichtet, was mutig ist, da Scope 1 und 2 nur 2% unseres CO₂-Footprints ausmachen, wohingegen 98% auf Scope 3 entfallen. Wir sitzen alle im selben Boot – entscheidend ist eine enge Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit unseren 2% Beitrag in Scope 1 & 2 sind wir das kleinste Rad und trotzdem glauben wir, dass wir da auch in Scope 3 etwas verändern können und müssen.
Auf der Rohstoffseite ist entscheidend, den Einsatz von Rohstoffen CO₂-effizient zu gestalten, indem beispielsweise fossiler Kohlenstoff durch erneuerbaren Kohlenstoff ersetzt wird. Mechanismen wie Mass Balance werden in der Übergangszeit wichtig, benötigen Zertifizierungen und klare Regularien, um Eco-Washing zu verhindern.
Aktuell ist Mass Balance jedoch noch nicht überall anerkannt, viele Kunden akzeptieren es nicht, selbst SBTi hat damit Herausforderungen. Um die chemische Industrie und die Wertschöpfungskette der Rohstoffe voranzubringen, ist Unterstützung erforderlich – beispielsweise durch Gesetzgebung und/oder finanzielle Anreize. Dies ist in anderen Industriezweigen wie Kraftstoffen und Verpackungen bereits der Fall.
EPDs spielen für uns bereits eine große Rolle. Wir sind stolz darauf, hier vorne mit dabei zu sein, und haben Ressourcen etabliert, um diese Anforderungen zu erfüllen. Als Lackhersteller stehen wir allerdings weit entfernt vom Endprodukt – unsere Kunden sind Stahl- oder Aluminiumhersteller, deren Kunden wiederum die Endverbraucher sind. Die gesamte Kette zu beeinflussen, ist nicht einfach. Zertifikate wie EPDs sind für uns daher ein effektiver Hebel, um Nachhaltigkeit entlang der Wertschöpfungskette zu verankern. Es bleibt eine Herausforderung, aber sie ist ein fester Bestandteil unserer Strategie.
Wenn wir auf die nächsten Jahre blicken: Wo erwarten Sie Marktimpulse? Vor allem aus dem Bereich Nachhaltigkeit oder gibt es noch weitere Aspekte?
Götze: Das ist schwer vorherzusagen – eine Glaskugel wäre toll. Unser Geschäft ist relativ ausgereift, eine komplette Produktrevolution, wie wir sie bisher noch nicht gesehen haben, ist eher unwahrscheinlich.
Aber in der Funktionalität gibt es noch viel Potenzial, das, was wir unseren Handprint bzw. die betriebsbedingten Emissionen („operational carbon“) nennen. Neben dem Footprint mit CO₂-Emissionen geht es hier um aktive positive Funktionalität. Ein Beispiel ist die Energieabsorption von Fassadenfarben. Auch andere zusätzliche Produktfunktionen sind denkbar. Kurz gesagt: Add-Ons und neue Funktionalitäten in Farben bieten weiterhin Chancen.
Ein großer Fokus wird außerdem auf Prozessverbesserungen liegen: Effizienz beim Auftragen der Farbe, Energieverbrauch, Emissionen, Fließgeschwindigkeit und Anlagenleistung. Technologien wie UV/EB-Härtung, Low Peak Metal Temperature (Low PMT), Slot Die oder andere innovative Methoden helfen, den Energieverbrauch zu reduzieren. Das schafft echten Mehrwert für unsere Kunden, da es direkt zu Kostenersparnis, Effizienz und CO₂-Reduktion beiträgt.
Event-Tipp
Die European Coatings Sustainable Coatings Conference, die am 3. und 4. November in Amsterdam, Niederlande, stattfindet, bietet praxisnahe Einblicke in CO2-arme Technologien, Ansätze der Kreislaufwirtschaft, biobasierte und wasserbasierte Systeme sowie belastbare Bewertungsmethoden wie LCA und Massenbilanz.
Erfahren Sie, wie die Branche auf regulatorischen Druck, Kundenerwartungen und Materialengpässe reagiert – und wie Nachhaltigkeit zu einem messbaren Wettbewerbsvorteil werden kann, anstatt nur eine Frage der Compliance zu sein.