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Nachhaltigkeit & Digitalisierung: Wie neue Anforderungen die Pigmententwicklung neu definieren
Wie beeinflussen neue Nachhaltigkeitsvorgaben die Pigmententwicklung – und welche Rolle spielen KI und digitale Tools in der Zusammenarbeit zwischen Rohstofflieferanten und Lackherstellern? Dr. Nicole Borho, DAW, gibt Einblicke in aktuelle Trends, Herausforderungen und Zukunftsstrategien der Branche.
Welchen Einfluss haben neue Nachhaltigkeitsanforderungen auf die Materialauswahl und Innovationsstrategien bei Pigmenten?
Dr. Nicole Borho: Nachhaltigkeit ist für die Pigmentindustrie längst ein zentrales Innovations- und Auswahlkriterium geworden. Kund:innen erwarten heute mehr und mehr Transparenz über den CO2-Fußabdruck – von den Rohstoffen über die Produktion bis zur Logistik. Viele Unternehmen reagieren darauf z.B. mit Umweltproduktdeklarationen (EPDs – wie z.B bei Bayferrox von Lanxess oder Eisenoxid-Slurries von Harold Scholz) und die Senkung des PCFs für ihre Produkte (z.B. Scopeblue-Produkte von Lanxess). Nachwachsende oder CO2-reduzierte Rohstoffe für Pigmente gewinnen an Bedeutung, bei neuen Produktentwicklungen werden diese verstärkt berücksichtigt.
Wichtig für den Erfolg ist die Bereitschaft der Kund:innen, den Mehrwert zu bezahlen.
Bei wässrigen Pigmentpräparationen für Dispersionsfarben spielt Nachhaltigkeit bei der Konservierung eine Rolle: der Gehalt an Bioziden geht durch Regularien stetig zuruck. Wir sehen hier einen Trend zu hoch alkalischen Systemen oder wasserfreien Produkten wie unsere NOW-Reihe. Auch die Kreislaufwirtschaft wird bei der Materialauswahl wichtiger: Rohstoffe sollen recyclingfreundlich sein, Verpackungen so designt werden, dass sie einfach wiederzuverwenden sind. Das gilt natürlich für das Pigment an sich – hier werden noch Lösungen gesucht – aber auch für die Verpackung der Pigmente und Pigmentzubereitungen wie Präparationen, Granulate und Slurries. Ist diese wiederbefüllbar, komplett entleerbar und einfach zurückzugeben? Gleichzeitig rückt die Herkunft der Rohstoffe stärker in den Fokus. Kritische Rohstoffe oder weit transportierte Vorprodukte werden zunehmend durch regionale Alternativen ersetzt, um einen positiven Beitrag zur Umwelt zu leisten und die Resilienz der Lieferkette zu starken. Insgesamt verschiebt sich der Fokus von rein technischen Eigenschaften hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung von Umweltwirkung, Ressourceneffizienz und Versorgungssicherheit – und macht Nachhaltigkeit zum Innovationstreiber der Pigmententwicklung und natürlich auch anderer Bestandteile von Farben und Lacken.
Wie verändern digitale Tools die Zusammenarbeit zwischen Rohstofflieferanten und Lackherstellern bei der Entwicklung?
Borho: Digitale Werkzeuge, gerade die generative Kl und Machine Learning, verändern unsere Branche derzeit grundlegend entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Pigment- und Pigmentzubereitungsentwicklung bis hin zur Lackanwendung beim Kund:innen. Traditionell verläuft die Zusammenarbeit zwischen Rohstoffhersteller und Lackproduzent häufig sequenziell: es wird ein Produkt entwickelt, ein Muster geliefert, und beim Kund:innen beginnt dann ein aufwändiger Prüf- und Anpassungsprozess. In Zukunft verschiebt sich dieser Ablauf zunehmend in eine digitale Entwicklungsumgebung. Versuchsauswertung und -planung werden künftig mit Hilfe von Kl auf der einen Seite beschleunigt: es werden Entwicklungsschleifen gespart, da vorhandenes Wissen in Labordatenbanken einfacher verfügbar gemacht wird Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel ist das eine wichtige Unterstützung Auf der anderen Seite könnte man zukünftig die Kl nutzen, um Experimente oder Rezepturen basierend auf eigenen Ergebnissen und frei verfügbaren Rohstoffinformationen vorzuschlagen, auf die ein Mensch nicht gekommen wäre.
Für gemeinsame Projekte mit Kund:innen und Partnern bedeutet das: sie sollten viel früher und aktiver in den Entwicklungsprozess eingebunden werden. Hier entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, bis zur Vision, dass beide Seiten Daten, Simulationsergebnisse und Anwendungserfahrungen teilen. Je komplexer und langwieriger die Projekte sind, desto eher wird hier auf beiden Seiten der Mehrwert gesehen werden, da das Entwicklungsrisiko reduziert wird. Letztlich führt die Digitalisierung dazu, dass die Entwicklung von Pigmenten bzw. Pigmentzubereitungen und die Lackentwicklung eher ein gemeinsamer Innovationsprozess werden wird. Er wird schneller, effizienter und zielgerichteter verlaufen – und das ist gerade in Zelten komplexer Nachhaltigkeits- und Leistungsanforderungen ein echter Wettbewerbsvorteil.