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Verpackungslacke: „Der Markt wächst robust, erlebt aber gleichzeitig einen tiefgreifenden Wandel“

Mit den Übernahmen von ICP Industrial Solutions und Weilburger Graphics hat Stahl seine Position im globalen Markt für Verpackungslacke deutlich gestärkt. Raymond Bakker, Vice President Packaging Coatings Division EMEA, und Salvatore Alfieri, Site Operations Manager / Gerhardshofen Site, sprechen über Marktunterschiede, Nachhaltigkeitsziele und die Herausforderungen eines sich rasch wandelnden Sektors.

Papier- und Kartonverpackungen als typische Einsatzbereiche für Verpackungslacke. Quelle: uv_group - stock.adobe.com

Stahl hat seine Präsenz im Markt für Verpackungslacke durch Übernahmen in der letzten Zeit deutlich ausgebaut. Warum ist gerade dieser Markt so attraktiv?

Raymond Bakker: Der Schritt in den Markt für Verpackungslacke war für uns die logische Weiterentwicklung. Wir verfügen über eine lange Tradition in Spezialbeschichtungen für flexible Materialien – die Ausweitung auf Papier und Karton lag daher nahe. Verpackungen werden weltweit immer wichtiger, besonders in Regionen mit wachsender Mittelschicht. Gleichzeitig entsteht ein klarer Bedarf an nachhaltigeren Lösungen. Markenhersteller fordern Materialien, die Recycling erleichtern und Umweltbelastungen verringern. Mit den Zukäufen konnten wir unser Know-how aus über 40 Jahren Innovationsarbeit gezielt ausbauen, um Verpackungen nachhaltiger und zugleich funktional attraktiv zu gestalten.

Raymond Bakker

Sie haben ICP in Nordamerika und Weilburger Graphics in Europa übernommen. Inwiefern unterscheiden sich diese beiden Märkte?

Bakker: Beide Regionen sind für uns Schlüsselmärkte, unterscheiden sich aber deutlich. In Nordamerika sehen wir eine starke Nachfrage nach Hochleistungs-lacken und schnellem Marktzugang, während Europa stärker von Nachhaltigkeit, Recyclingfähigkeit und regulatorischen Vorgaben geprägt ist.

Durch ICP haben wir unser technisches Fundament in Nordamerika gestärkt, insbesondere im Bereich der UV-Technologien. Die Integration von Weilburger Graphics wiederum hat unsere Position in Europa gefestigt, wo hohe Umweltstandards gelten. Entscheidend ist unser „local-for-local“-Ansatz: Wir produzieren und verkaufen regional, um maßgeschneiderte Lösungen zu bieten.

Wie fügen sich die beiden Übernahmen in Ihre Nachhaltigkeits- und Innovationsziele ein?

Bakker: Beide Unternehmen passen bestens zu unserer Innovationsstrategie. Sie erweitern unsere Kompetenzen bei wasserbasierten sowie UV-härtenden Systemen und sind zentral für geringeren CO2-Ausstoß und Kreislauffähigkeit. So können wir fossile Rohstoffe einsparen und unseren Kundinnen helfen, ihre eigenen Umweltziele zu erreichen. Es geht dabei nicht nur um Technik, sondern auch um Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette.

Wie würden Sie die aktuelle Lage im Markt für Verpackungslacke beschreiben?

Bakker: Der Markt wächst robust, erlebt aber gleichzeitig einen tiefgreifenden Wandel. Getrieben wird dieser durch Nachhaltigkeitsanforderungen, veränderte Konsumgewohnheiten und striktere Regularien. Der Trend geht klar zu wasserbasierten und UV-härtenden Systemen sowie zu Beschichtungen ohne kritische Inhaltsstoffe. Barrierelacke, die Plastik ersetzen oder Recycling erleichtern, gewinnen stark an Bedeutung – etwa bei Papierstrohhalmen als Ersatz für Kunststoff. Wir sehen weltweit ein wachsendes Bewusstsein für nachhaltige Verpackungen, auch in Asien und Lateinamerika, wo sich Märkte dynamisch entwickeln.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen und Chancen in den kommenden Jahren?

Bakker: Die Dynamik des Marktes ist enorm. Wer bestehen will, muss kontinuierlich investieren. Nachhaltigkeit ist nicht bloß Pflicht, sondern ein Motor für Innovation. Wir sehen großes Potenzial in neuen, recycelbaren und biobasierten Beschichtungssystemen. Forschung und Entwicklung spielen dabei eine Schlüsselrolle. Auch wenn andere während der Pandemie Kosten gesenkt haben, haben wir weiter investiert. Denn nur wer handelt, bleibt zukunftsfähig. Herausforderungen entstehen durch unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen und die Notwendigkeit, neue Kompetenzen in globale Strukturen einzubinden. Doch was manche als Risiko sehen, ist für uns eine Chance, Innovation und Verantwortung miteinander zu verbinden.

Welche Herausforderungen ergeben sich mit der Integration der neuen Organisation?

Salvatore Alfieri

Salvatore Alfieri: Ein solcher Prozess ist immer anspruchsvoll. Wir müssen technologische und kulturelle Unterschiede überbrücken, Prozesse harmonisieren und gleichzeitig die Identität des Standorts wahren. Wichtig ist dabei, die Menschen mitzunehmen, etwa durch Vertrauen, Weiterbildung und offene Kommunikation. Dass mehr als die Hälfte unserer Mitarbeitenden ihre Ausbildung bei uns absolviert hat, zeigt, wie stark die lokale Bindung ist. Diesen Geist wollen wir erhalten, während wir uns global aufstellen.

Dieses Interview führte Damir Gagro.