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Status quo der Digitalisierung: „Die Beschichtungsindustrie muss vernetzter werden“

In der Beschichtungsindustrie gibt es große Fortschritte – aber auch große Lücken, wenn es um Digitalisierung geht. Bojan Buinac, CEO von Bens Consulting, erklärt im Interview, warum die Branche stärker vernetzt denken muss, wie sich der Alltag im Labor digital erleichtern lässt – und weshalb Künstliche Intelligenz erst ganz am Ende der Digitalisierungsreise stehen sollte.

Bojan Buinac sieht großes Potenzial in einfach bedienbaren, durchgängigen digitalen Lösungen – gerade für die tägliche Labor- und Produktionspraxis. Quelle: Alexander Limbach - stock.adobe.com

Wie weit ist die Beschichtungsindustrie Ihrer Meinung nach in Sachen Digitalisierung?

Bojan Buinac: Das ist sehr unterschiedlich. In spezialisierten Bereichen wie High-Throughput-Screening wurden deutliche Fortschritte gemacht. Aber andere essenzielle Bereiche, die alle Unternehmen der Branche betreffen – und auch die Downstream-Industrien – wurden bisher stark vernachlässigt. Gerade dort könnte man oft mit vergleichsweise geringem Aufwand große Verbesserungen erzielen. Statt solche Themen ganzheitlich anzugehen, jagen viele Unternehmen lieber dem „nächsten großen Ding“ hinterher – was zu fragmentierten Systemen, Verwirrung, Ineffizienzen und hohen Kosten führt. Am Ende arbeiten viele mit einem Flickenteppich an Einzellösungen, anstatt sich ganzheitlich aufzustellen.

Wo sehen Sie konkret Verbesserungsbedarf?

Buinac: Die Branche muss stärker vernetzt arbeiten. Ob F&E, regulatorische Themen, Arbeitssicherheit, Nachhaltigkeit oder Vertrieb – alle Bereiche sind auf die gleiche Grundlage angewiesen: präzise und nutzbare Produktdaten. Diese Informationen sind nicht nur für die Beschichtungsbranche selbst, sondern auch für ihre Kunden entscheidend. Es beginnt bei den Rohstoffdaten, die in die Entwicklung einfließen, und endet bei der Lieferung gesetzeskonformer Informationen an den Kunden. Entscheidend ist, dass diese Daten durchgängig korrekt, aktuell und zugänglich bleiben. Ich sage oft: Die Ausgangsdaten eines Lieferanten sind die Eingabedaten des nächsten Unternehmens. Diese Datengrundlage muss stimmen, bevor man überhaupt über KI nachdenken kann. KI braucht hochwertige Daten – sonst liefert sie keine sinnvollen Ergebnisse. Die Chemiebranche lebt nicht von kreativen Inhalten, sondern von Genauigkeit, Verlässlichkeit und Compliance.


Veranstaltungstipp: Digitalisierung in der Lackformulierung

Am 5. und 6. November 2025 findet in Köln dieEC Conference „Digitalisierung in der Lackformulierung – Automatisierung und Datentools in F&E und Qualitätssicherung“ statt. Im Fokus stehen digitale Technologien, die Prozesse in Forschung, Entwicklung und Qualitätssicherung von Beschichtungen effizienter, präziser und innovativer gestalten. Teilnehmende erfahren, wie automatisierte Formulierungen, moderne Analysetools und datenbasierte Qualitätssicherung dabei helfen können, neue Produkte schneller auf den Markt zu bringen und gleichzeitig höchste Standards zu erfüllen. Die Konferenz richtet sich an Laborleitungen, F&E-Fachkräfte und alle, die sich mit digital unterstützten Prozessen in der Lackentwicklung beschäftigen. Neben Fachvorträgen und Best Practices bietet die Veranstaltung auch zahlreiche Gelegenheiten zum Networking und zum Austausch mit Expertinnen und Experten aus Industrie und Wissenschaft.


Welche Lösungen verbessern bereits heute den Laboralltag und machen Prozesse effizienter?

Buinac: Die Menschen wünschen sich einfache, intuitive Lösungen, die sie schnell verstehen und direkt nutzen können. Sie wollen in kürzerer Zeit mehr erledigen. Was sich viele F&E-Teams konkret wünschen: eine Rohstoffdatenbank, die direkt in die Rezeptentwicklung eingebunden werden kann – ohne manuelle Übertragungen. Wenn das Produkt fertig entwickelt ist, sollte man mit wenigen Klicks ein Sicherheitsdatenblatt erstellen, ein rechtskonformes Etikett drucken und ein Muster an den Kunden versenden können. Nach der Freigabe läuft alles genauso nahtlos weiter: Technisches Datenblatt erstellen, Produkt auf der Website veröffentlichen, ERP- und andere Systeme aktualisieren – automatisch. Das ist keine Zukunftsmusik, das ist heute schon machbar. Mit unseren Plattformen Chemius und Allchemist konnten wir zeigen, dass sich manuelle Arbeit um bis zu 70 % reduzieren lässt – und die Durchlaufzeit bei der Produktentwicklung um 48 % sinkt. Das spart nicht nur Zeit und Mühe, sondern senkt auch die Kosten erheblich.