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Krahn Chemie: „Wir setzen auf lokale Verankerung plus internationale Vernetzung“
Das Distributionsunternehmen Krahn Chemie hat sein Technical Service Center in Bottrop vergrößert und die Fläche auf insgesamt 1.400 m2 ausgebaut. Geschäftsführer der Krahn Chemie Gruppe Martin John und Geschäftsführer von Krahn Chemie Deutschland Karlheinz Schuster sprechen über Investitionen, Nachhaltigkeit und Trends in der Lackindustrie.
Mit der Erweiterung in Bottrop investieren Sie deutlich in Infrastruktur. Ist das vor allem ein Signal an den Markt – oder eine Reaktion auf steigenden Wettbewerbsdruck?

Martin John: Beides. Natürlich existiert Wettbewerbsdruck, aber wir verstehen die Investition als konsequente Fortführung unserer Philosophie: Märkte mit Innovationen und Verarbeiter mit Produzenten zusammenzubringen. Wir wollen unseren Kund:innen nicht nur Material liefern, sondern sie bei Lösungen unterstützen. Deshalb haben wir auch in Räume investiert, in denen Innovation und Training Hand in Hand gehen.
Labor und Trainingsräume sind nun unter einem Dach. Wie stellen Sie sicher, dass dort praxisrelevante Ergebnisse entstehen?
Karlheinz Schuster: Theorie und Praxis greifen unmittelbar ineinander. Schulungen bleiben nicht abstrakt, sondern werden direkt im Labor ausprobiert. Da entstehen automatisch neue Fragen – und neue Lösungen. Das macht den Mehrwert aus: Unsere Besucher gehen mit erlebten Ergebnissen statt nur mit Theorie nach Hause.
Die Branche braucht schnelle Antworten auf Formulierungsfragen. Wie kann Bottrop die Geschwindigkeit erhöhen?
Schuster: Unter anderem durch unser zentrales Musterlager direkt vor Ort. Früher wurden Muster verschickt, heute greifen wir sofort zu. Das spart Tage. Außerdem können wir auf unser europaweites Labornetzwerk und einen großen Erfahrungsschatz unserer langjährigen Mitarbeitenden zurückgreifen. Wissen wird geteilt, statt Probleme mehrfach zu bearbeiten. Das beschleunigt die Entwicklung deutlich.
Welche Rolle spielt Bottrop im europäischen Netzwerk?
John: Unsere fünf Labore sind unterschiedlich spezialisiert. Bottrop ist das größte und am breitesten aufgestellte – mit Schwerpunkten in Farben, Lacken, Bauchemie, Klebstoffen und Kunststoffen. Andere Labore haben spezielle Stärken – etwa Holzschutz in Italien oder eingefärbte Fassadenputze in Polen. Diese Spezialisierungen nutzen wir, um voneinander zu lernen. Bottrop ist damit eingebettet in ein europäisches Erfahrungsnetz.
Wo liegt für Kund:innen der größte Mehrwert – in lokaler Nähe oder internationaler Vernetzung?
John: In beidem. Wir unterscheiden uns bewusst von Konzernen, die Europa als einen einzigen Markt betrachten. Wir setzen auf lokale Verankerung plus internationale Vernetzung – das schafft zusätzlichen Nutzen.
In Bottrop stellen Sie Nachhaltigkeit in den Fokus. Wie schaffen Sie Substanz statt Schlagworte?

Schuster: Wir beschäftigen uns seit 2018 intensiv mit dem Thema. Wir bieten nicht nur Lifecycle Assessments und Nachhaltigkeitsworkshops, sondern auch Beratung bei regulatorischen Anforderungen oder Recyclinglösungen. So haben wir z. B. Abfälle zu Rohstoffen in anderen Industrien nutzbar gemacht oder erste Environmental Product Declarations für Kund:innen erstellt. Nachhaltigkeit ist für uns ein Differenzierungsmerkmal – und gelebte Praxis.
Viele Innovationen scheitern an Kosten. Welche Chancen haben nachhaltige Produkte im Massenmarkt?
John: Innovationen müssen drei Kriterien erfüllen: greener, better, cheaper. Das heißt: nachweisbarer Nachhaltigkeitsbeitrag, bessere Leistungsfähigkeit und wettbewerbsfähige Kosten. Verlässliche Regulierung ist dabei notwendig, um Innovationen abzusichern. Nachhaltigkeit ist für uns aber nicht nur Markttrend, sondern Überzeugung – und ein Thema, das auch junge Talente bei uns stark einfordern.
Welche Bedeutung haben Ihre Schulungsangebote für den Knowhow-Transfer in Zeiten des Fachkräftemangels?
John: Wissenstransfer ist ein Teil unseres Geschäftsmodells. Wir sorgen dafür, dass Wissen nicht in einzelnen Köpfen bleibt, sondern geteilt wird. Nachwuchskräfte gewinnen wir trotz Fachkräftemangel gut, auch durch unsere Position in Bottrop und weil wir stark auf Weiterbildung setzen.
Welche Trends sehen Sie aktuell als Wachstumstreiber?
Schuster: Drei Dinge: Nachhaltigkeit, Produktionseffizienz und neue Technologien. Beispiele sind PFAS-freie Alternativen, leistungsfähige biozidfreie Farbpasten oder Additive, die Energieeinsatz und Verarbeitungszeiten reduzieren. Auch Premixes für Baustellen sind ein Thema, um Mischungen effizienter zu gestalten.
Am Ende soll jede:r Kund:in aus dem Gespräch mit uns einen greifbaren Impuls mitnehmen. Inspiration ist für uns Teil des Serviceversprechens.
Dieses Interview führte Damir Gagro.