Nachrichten Köpfe & Karrieren
Fraunhofer IFAM: „Wir suchen nach Nischen, in denen wir etwas bewegen können“
24 Jahre lang hat Dr. Volkmar Stenzel die Abteilung Lacktechnik am Fraunhofer IFAM in Bremen aufgebaut – von drei Mitarbeitenden zu einem Team von über 30. Jetzt übernimmt mit Dr. Thomas Lukasczyk ein Laserexperte die Leitung, während Volkmar Stenzel dem Institut als Senior Scientist erhalten bleibt. Wie funktioniert der Brückenschlag zwischen jahrzehntelanger Lackexpertise und neuen technologischen Impulsen? Das Interview führte Kirsten Wrede.
Herr Stenzel, Sie haben die Abteilung Lacktechnik 24 Jahre lang geprägt. Was waren die wichtigsten Meilensteine und auf welche Entwicklungen sind Sie besonders stolz?

Volkmar Stenzel: Wir haben 2001 mit drei Leuten angefangen, uns mit Lack zu beschäftigen, und mittlerweile sind wir etwas über 30 Mitarbeitende. Das allein zeigt schon, wie sich das über die Jahre entwickelt hat. Ich komme ursprünglich aus der Automobil-Lackindustrie und hatte mir vorgestellt, dass wir die großen Lackhersteller und die lackierende Industrie mit Dienstleistungen unterstützen. Das hat sich so nicht dargestellt – wir mussten Nischen suchen, wo wir mit unseren Möglichkeiten etwas bewegen können. Wir haben uns dann ganz wesentlich auf Funktionslacke gestürzt: strömungsgünstige Lacke, Anti-Eislacke, schmutzabweisende und selbstheilende Lacke. Das sind Themen, die wir nicht erfunden, aber wesentlich vorangebracht haben. Getriggert wurde das stark durch die Luftfahrt – etwa der Erosionsschutz für Vorderkanten von Flugzeugen, wo man CFK statt Metall einsetzen möchte und dafür spezielle Beschichtungen braucht. Das sind Nischen, in denen keine Riesentonnagen verkauft werden und die Entwicklung risikoreich ist – genau der richtige Platz für angewandte Forschung.
Herr Lukasczyk, Sie kommen aus der Lasertechnik. Welche Impulse können Sie aus diesem Bereich in die Lacktechnik transferieren?

Thomas Lukasczyk: Den Laser beschreibe ich gerne als Schweizer Taschenmesser – ich kann ihn zum Messen, Schneiden, Bohren und Schweißen nutzen. Mein Schwerpunkt war die Oberflächenbearbeitung: Texturierung, Modifikation und vor allem das Thema Laserabtrag von Beschichtungen. Gerade in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich da extrem viel getan – die Technologie wird kompakter, günstiger und leistungsfähiger, was sie für bisher nicht adressierte Anwendungen mittlerweile wirtschaftlich sinnvoll macht. Ein konkretes Beispiel ist der Stahlbau: Brücken, die noch bleihaltige Beschichtungen tragen, werden heute abgestrahlt. Der Laser brennt das von der Oberfläche herunter, ich kann es direkt absaugen, und es fällt nichts ins Gewässer. Spannend ist dabei die Laser-Material-Wechselwirkung: Zwei Lacke mit dem gleichen RAL-Farbton können völlig unterschiedlich auf den Laser reagieren – oft sind es die Additive, die den Unterschied machen. Dieses Verständnis kann ich in die Lacktechnik einbringen, damit Beschichtungssysteme so optimiert werden, dass laserbasierte Vorbehandlungs- und Abtragsprozesse besser funktionieren.
Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft für die künftige Ausrichtung der Abteilung?
Thomas Lukasczyk: Mir geht es weniger darum, einfach nachwachsende Rohstoffe einzubringen, sondern um den Ansatz „Design for Circularity“ – dass ich schon beim Design des Materials mitdenke, was bei Inspektion, Reparatur und am Lebensende passiert. Die Beschichtung steht dem Recycling des Bauteils teilweise im Weg, etwa bei polymerbasierten Bauteilen. Interessanterweise sind die Lackrückstände nicht einfach Abfall: Es gibt Lackhersteller, die zeigen konnten, dass per Laser abgetragene Beschichtungsreste, wieder in Lack eingearbeitet, sogar eine bessere Korrosionsschutzwirkung haben können als das Ausgangsprodukt. Das Fraunhofer IFAM ist hier besonders gut aufgestellt, weil wir Abteilungen für Polymerchemie, Oberflächenanalytik und Inline-Monitoring im Haus haben und so den kompletten zirkulären Prozess abdecken können.
Herr Stenzel, Sie bleiben dem Fraunhofer IFAM als Senior Scientist erhalten. Wie sieht Ihre neue Rolle konkret aus?
Volkmar Stenzel: Die Position des Senior Scientist zielt klassisch darauf ab, die wissenschaftliche Qualität hochzuhalten, etwa durch die Betreuung von Dissertationen. Ich würde die Rolle aber auch in Richtung Projektarbeit und Projektakquisition ziehen, um den Industriefokus beizubehalten. Ganz konkret möchte ich bestimmte aktuelle Themen weiter vorantreiben – zum Beispiel die strömungsgünstigen Lacke, die mir immer am Herzen lagen, oder ganz neue Felder wie Lacke, die hochfrequente Strahlung beeinflussen können. Außerdem wollen wir die Automatisierung der Beschichtung von großen Bauteilen in kleinen Stückzahlen voranbringen. Im Automobilbereich ist das längst Standard, aber bei großen Strukturen wie im Flugzeugbau wird noch sehr viel von Hand gemacht. Und natürlich möchte ich jüngere Kolleg:innen coachen – Wissen und Kontakte weitergeben über Ausschreibungen, Antragsstellung und Konsortien.
Wie wird Ihre Zusammenarbeit in der Praxis künftig aussehen?
Thomas Lukasczyk: Wir arbeiten ja eigentlich schon seit 2010 zusammen, seit ich am Fraunhofer IFAM bin. Es ist also keine neue Zusammenarbeit, sondern eine, die jetzt eine andere Struktur bekommt. Ich komme aus einem anderen Bereich und denke manche Anwendungen vielleicht hemdsärmelig anders – das sind die frischen Ideen. Und dann ist es wichtig, dass Herr Stenzel mir technologisch den Spiegel vorhält, weil er da die jahrzehntelange Erfahrung hat. Es ist ein bisschen wie Tennis – wir spielen den Ball hin und her: eine Idee, potenzielle technologische Ansätze, Vorerfahrungen, wo etwas schon probiert wurde. Die strategische Ausrichtung der Abteilung liegt bei mir, aber ich bin sehr froh über die Erfahrung, die Herr Stenzel einbringt.
Welche technologischen Trends werden die Farb- und Lackindustrie in den kommenden Jahren am stärksten verändern?
Volkmar Stenzel: Das ist schwer zu prognostizieren, weil sich die Rahmenbedingungen gerade stark ändern. Relativ sicher bin ich, dass gesetzliche Vorgaben viel bewegen werden – etwa die Notwendigkeit, mehr zu recyceln. Da wird es interessant sein, Methoden zu entwickeln, wie man Lackbestandteile und lackierte Bauteile möglichst rationell recyceln kann, was in der Regel darauf hinausläuft, den Lack vom Bauteil zu trennen.
Thomas Lukasczyk: Ergänzend spielt Ressourceneffizienz eine große Rolle, zum Beispiel bei der Lackhärtung. Es gibt mittlerweile Initiativen zur Pulverlackhärtung mittels Laser, die laut Herstellerangaben rund 40 Prozent weniger Energie verbrauchen als eine Ofentemperung. Dabei kann ich auch temperatursensitive Bauteile beschichten, weil die Wärme von oben in die Lackschicht kommt und nicht das ganze Bauteil aufgeheizt werden muss. Dazu kommen multifunktionale Oberflächen – kratzfest, Anti-Fingerprint, perfekte Oberflächengüte gleichzeitig. Das fordert die Industrie schon lange, und es bleibt eine ständige Herausforderung, bei der wir unseren Industriekunden gut zuarbeiten können.