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„Die größte Fehleinschätzung ist zu glauben, dass die Krise bald vorbei ist“
Die Rohstoffkrise 2026 ist kein Déjà-vu der Corona-Zeit, sie ist ein struktureller Bruch. Jorge Prieto, Gründer von International Coatings Consulting, erklärt, warum die Farben- und Lackindustrie diesmal nicht auf eine Rückkehr zur Normalität hoffen sollte. Er analysiert, wie geopolitische Verwerfungen und Energieengpässe die Spielregeln der Beschaffung grundlegend verändern und warum kollektives Einkaufsverhalten die Lage zusätzlich verschärft. Interview von Damir Gagro
Sie beschreiben die Rohstoffkrise 2026 als strukturellen Wendepunkt und nicht als vorübergehende Marktstörung. Woran würden Sie in der Praxis erkennen, dass dieser Wandel tatsächlich dauerhaft ist?

Jorge Prieto: Ein Wandel ist dann dauerhaft, wenn nicht nur Preise steigen, sondern Rohstoffe tatsächlich fehlen. Das zeigt sich beispielsweise dann, wenn durch geopolitische Konflikte Öl- und Gasförderanlagen über längere Zeit außer Betrieb sind und diese Mengen nicht kurzfristig ersetzt werden können.
Ein weiteres klares Signal ist das Verhalten der Unternehmen: Wenn Lieferantenstrukturen bewusst verbreitert und Lagerbestände dauerhaft erhöht werden, deutet das darauf hin, dass die Situation nicht mehr als kurzfristige Störung eingeschätzt wird, sondern als neuer Normalzustand.
Wo liegt der bedeutendste Unterschied zwischen der Corona-Krise und der aktuellen Krise? Welche Fehlinterpretationen beobachten Sie hier derzeit noch in der Industrie?
Prieto: Die Corona-Krise war im Kern eine Synchronisationskrise. Angebot und Nachfrage waren zeitlich verschoben, Produktion und Logistik gestört – die grundlegenden Strukturen des Systems waren jedoch intakt. Sobald sich die Situation stabilisiert hat, konnte sich das System schnell erholen. Die aktuelle Krise ist dagegen eine energie- und geopolitikgetriebene Systemkrise. Hier sind nicht nur Abläufe betroffen, sondern die Grundvoraussetzungen der Produktion selbst: Energieverfügbarkeit, zentrale Feedstocks wie Öl, Gas oder Naphtha sowie geopolitische Zugänge und Handelsströme.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Ursache – und damit auch in der Steuerbarkeit. Geopolitische Risiken wirken dauerhaft und lassen sich nicht kurzfristig auflösen. Selbst wenn Anlagen wieder hochfahren, bleiben Unsicherheiten bestehen und beeinflussen Verfügbarkeit, Kosten und Lieferketten. Viele Unternehmen unterschätzen genau diesen Punkt und erwarten noch immer eine Rückkehr zur „Normalität“. Tatsächlich verändert sich das System jedoch strukturell.
Lese Tipps
Jorge Prieto berichtet noch ausführlicher über das Thema in dem Artikel:Rohstoffkrise 2026 – Wie Energie, Geopolitik und Märkte die Farben- und Lackindustrie verändern
Noch mehr zum Thema: Rohstoffmärkte unter Druck: Branche zwischen Unsicherheit und Anpassung
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Was ist aus Ihrer Sicht die am meisten unterschätzte Konsequenz dieser neuen Krisenqualität für die Farben- und Lackindustrie?
Prieto: Die größte unterschätzte Konsequenz ist die Annahme, dass die aktuelle Situation vorübergehend ist. Viele ordnen die Krise noch immer ähnlich wie die Corona-Zeit ein und gehen davon aus, dass sich die Märkte wieder normalisieren.Genau das ist jedoch nicht der Fall. Die aktuellen Herausforderungen – insbesondere durch geopolitische Risiken und Energie – bleiben bestehen.Für die Farben- und Lackindustrie bedeutet das: Es geht nicht nur um höhere Preise, sondern darum, dass Rohstoffe zeitweise nicht verfügbar sind. Unternehmen müssen sich deshalb dauerhaft anpassen – mit breiteren Lieferketten, höherer Versorgungssicherheit und flexibleren Rezepturen. Die größte Fehleinschätzung ist zu glauben, dass die Krise bald vorbei ist, tatsächlich verändert sich das System dauerhaft.
Sie betonen, dass Märkte heute bereits auf erwartete Unsicherheit reagieren. Wie sollten Einkaufsorganisationen konkret zwischen berechtigter Vorsorge und marktverschärfenden Vorzieheffekten abwägen?
Prieto: Das eigentliche Risiko entsteht häufig erst durch das Verhalten der Marktteilnehmer selbst. Wenn viele gleichzeitig versuchen, sich abzusichern, wird aus erwarteter Knappheit reale Knappheit. Genau hier müssen Einkaufsorganisationen umdenken. Es geht nicht mehr darum, möglichst früh möglichst viel zu kaufen, sondern gezielt und differenziert vorzugehen. Kritische Rohstoffe mit hoher Abhängigkeit sollten aktiv abgesichert werden, durch Zweit- und Drittquellen sowie definierte Mindestbestände. Gleichzeitig müssen Unternehmen bei weniger kritischen Materialien bewusst diszipliniert bleiben, um keine künstliche Verknappung zu erzeugen.
Der Schlüssel liegt in der Transparenz und Steuerung: Wer seine Verbräuche, Reichweiten und Risiken kennt, kann fundierte Entscheidungen treffen und muss nicht aus Unsicherheit heraus reagieren. Die größte Gefahr ist aktuell nicht nur die Knappheit selbst, sondern die Selbstverstärkung durch kollektives Einkaufsverhalten. Wer das versteht, kann sich stabil aufstellen, ohne den Markt zusätzlich unter Druck zu setzen. Wir erleben aktuell, dass Märkte stärker auf Erwartungen reagieren als auf reale Knappheit.
Das komplette Interview lesen Sie in der Maiausgabe der FARBE UND LACK