Nachrichten Köpfe & Karrieren
Weckerle: „Nischenmärkte bieten enormes Innovationspotenzial“
Neue regulatorische Anforderungen, Elektromobilität und Nachhaltigkeit verändern die Entwicklung von Industrielacken. Dr. Benjamin Stolz, neuer Geschäftsführer der Weckerle Lackfabrik, erläutert, warum Kundennähe und Innovation für den mittelständischen Speziallackhersteller entscheidend sind. Das Interview führte Kirsten Wrede.
Herr Dr. Stolz, welche Schwerpunkte setzen Sie als neuer Geschäftsführer?

Dr. Benjamin Stolz: Im Grunde genommen genau das, was mich auch schon auf meinen vorherigen Positionen begleitet hat und was unser Erfolgskonzept war. Wir sind absoluter Nischenlieferant. Das heißt, wir brauchen eine sehr enge Nähe zu unseren Kund:innen und genau dadurch zeichnen wir uns aus. Oft entwickeln wir ein Produkt für ein konkretes Projekt bei einem Kunden. Unsere Geschwindigkeit, die Kundennähe und der Wille, kundenorientierte Lösungen anzubieten, sind unsere Daseinsberechtigung. Das müssen wir weiterhin forcieren. Wir wollen der Ansprechpartner sein, der gemeinsam mit dem Kunden auf dessen bestehender Anlage das Produkt so modifiziert, dass es unter seinen Bedingungen optimal funktioniert.
Nachhaltigkeit spielt derzeit in der gesamten Branche eine große Rolle. Welche Bedeutung hat das Thema für Weckerle?
Stolz: Nachhaltigkeit ist wahrscheinlich ein Schlagwort, , welches in der heutigen Zeit zu inflationär verwendet wird, aber tatsächlich stellt die Entwicklung nachhaltiger Produkte einen zentralen Aspekt in unserem Hause dar.
Wir entwickeln ausschließlich Lacksysteme, die auch zukunftsfähig sind. Dabei geht es nicht nur um den ökologischen Aspekt, sondern genauso um die Wirtschaftlichkeit. Es ist wichtig, Produkte zu entwickeln, bei denen die Kund:inne einen ökonomischen Nutzen haben und die nachhaltig etabliert werden können. Wenn wir beispielsweise einen energieintensiven Ofenprozess einsparen können, profitieren am Ende alle entlang der Wertschöpfungskette. Energie zu sparen und CO₂-Emissionen zu vermeiden, ist aus ökologischer wie aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll.
Welche Auswirkungen haben neue regulatorische Anforderungen auf Ihre Entwicklungsarbeit?
Stolz: Die Regulatorik ist Fluch und Segen zugleich. Sie hilft innovativen Unternehmen, weil alle gezwungen sind, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen. Nur diejenigen, die wirklich Entwicklung betreiben, werden bestehen und neue oder verbesserte Produkte auf den Markt bringen. Gleichzeitig ist das natürlich eine enorme Herausforderung für mittelständische Unternehmen. Deshalb ist unsere Innovationskraft im Labor unser Herzstück. Sie ist unser Motor und unsere Daseinsberechtigung, um auch künftig in unserer Nische erfolgreich zu sein.
Welche technologischen Veränderungen beobachten Sie aktuell im Automotive-Bereich?
Stolz: Mit der Elektromobilität entstehen ganz neue Anforderungen Wenn man z.B. eine Batteriewanne mit einem Dieseltank vergleicht, dann werden dort völlig andere Anforderungen an den Lack gestellt. Bei Batteriewannen spielen beispielsweise elektrische Durchschlagsfestigkeit oder das Brandverhalten eine Rolle. Solche Anforderungen gab es früher nicht. Genau diesen neuen Märkten stellen wir uns. Wir entwickeln Lacke für elektrische Isolation oder definiertes Brandverhalten und adressieren damit diese neuen Anwendungen. Gleichzeitig entstehen auch durch neue EU-Vorgaben, beispielsweise bei Bremsscheiben, neue Chancen für spezialisierte Beschichtungslösungen.
Sie haben ein wasserbasiertes Lacksystem entwickelt, das ohne Ofentrocknung auskommt. Wie wird diese Entwicklung vom Markt angenommen?
Stolz: Die Resonanz ist extrem gut. Das Besondere ist, dass wir ein echtes Wasserlacksystem entwickelt haben, das ohne externe Energiezufuhr schnell trocknet. Genau das war der Clou der Entwicklung. Wir konnten damit den größten Nachteil klassischer Wasserlacksysteme umgehen. Besonders gefreut hat uns, dass wir bereits sehr schnell die OEM-Serienfreigabe erhalten haben. Für ein komplett neu entwickeltes Produkt ist das außergewöhnlich. Daran sieht man, dass Kunden durchaus bereit sind, neue Technologien schnell einzusetzen, wenn sie einen echten Mehrwert bieten. Deshalb bauen wir das ERS-System (Energy Reduced System) inzwischen zu einer ganzen Produktfamilie aus.
Die Versorgung mit Rohstoffen beschäftigt die Branche. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Stolz: Zum Glück haben wir sehr langfristige Lieferantenbeziehungen. Deshalb haben wir derzeit keinerlei Probleme mit Engpässen oder Shortages. Natürlich sind wir bei einzelnen Spezialchemikalien den tagesaktuellen Rohstoffpreisen ausgesetzt, aber insgesamt stehen wir durch unsere langjährigen Partnerschaften gut da. Unsere Lieferanten sind international aufgestellt – von kleinen Nischenanbietern bis zu den großen Chemieunternehmen. Letztlich landet man in unserer Branche bei vielen Vorprodukten irgendwann auch in Asien. Deshalb beobachten wir die geopolitische Entwicklung sehr genau. Wie sich die Lage weiterentwickelt, kann heute niemand vorhersagen. Ich hoffe aber, dass zumindest keine zusätzlichen Belastungen hinzukommen. Preisanpassungen lassen sich in einzelnen Fällen nicht vermeiden. Uns ist dabei wichtig, gemeinsam mit Lieferanten und Kunden Lösungen zu finden und den zusätzlichen Aufwand partnerschaftlich zu verteilen.
Welche Rolle werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz künftig bei Weckerle spielen?
Stolz: Wir sehen großes Potenzial für KI, beispielsweise in der Entwicklung. Dafür braucht es aber zunächst eine leistungsfähige und sichere IT-Infrastruktur. Deshalb haben wir dieses Thema in den vergangenen Monaten intensiv vorangetrieben. Uns war wichtig, zuerst das Fundament zu schaffen, bevor wir uns unreflektiert in KI-Anwendungen stürzen. Sichere Netzwerke, eine moderne Infrastruktur und IT-Sicherheit sind heute genauso wichtig wie Produktion oder Logistik. Darauf können wir künftig weitere digitale Anwendungen aufbauen.