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Biobasierte Beschichtungen: „Vom Nischenmarkt zur breiten Anwendung“

Die Einführung biobasierter Beschichtungen beschleunigt sich weltweit, angetrieben durch Nachhaltigkeit, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit. Julie Haevermans, Vice President Marketing, Coating Solutions, und Richard Jenkins, Senior Vice President, Coating Solutions, bei Arkema, erläutern, wie Branchenkooperationen, regionale Prioritäten und Entwicklungen in den Lieferketten die Zukunft biobasierter Technologien prägen. Interview von Vanessa Bauersachs

Aktueller Stand und Zukunftsaussichten biobasierter Beschichtungen.
Aktueller Stand und Zukunftsaussichten biobasierter Beschichtungen. Quelle: Anastasiia - stock.adobe.com

Wie kann Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette die größte Wirkung entfalten, um die Einführung biobasierter Beschichtungen zu beschleunigen?

Julie Haevermans, Vice President Marketing, Coating Solutions, Arkema. Quelle: Arkema
Julie Haevermans, Vice President Marketing, Coating Solutions, Arkema. Quelle: Arkema

Julie Haevermans: Der Markt bewegt sich eindeutig über einen „grünen Nischenansatz mit Preisaufschlag“ hinaus. Um den Massenmarkt zu erreichen, müssen Lösungen gleichzeitig Leistungsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit bieten. Genau hier wird Zusammenarbeit entscheidend, denn sie ermöglicht:

  • Aufklärung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – Schritt für Schritt
  • Transparenz und gemeinsame Kennzahlen, beispielsweise Lebenszyklusanalysen (LCA)
  • Gemeinsame Innovationen, die technische Leistung und wirtschaftliche Erwartungen miteinander in Einklang bringen

Durch die Zusammenarbeit mit vorgelagerten Marktführern wie Godavari Biorefineries und Partnerschaften mit Innovatoren wie Catalyxx beschleunigt Arkema die Entwicklung leistungsstarker biobasierter Harze für Farben, Beschichtungen und Baustoffe. Mit der zunehmenden Verbreitung nachhaltiger Gebäudestandards sowie dem Engagement von Markenführern und Architekten steigt die Nachfrage. Die Entwicklung von Harzen auf Basis von Biobutanol eröffnet neue Möglichkeiten, Leistungsfähigkeit mit Kreislaufwirtschaft und einer geringeren CO₂-Bilanz zu verbinden.

Wie beeinflussen regionale Prioritäten die Einführung biobasierter Beschichtungen?

Haevermans: Die Dynamik der Einführung unterscheidet sich je nach Region, und dieses Verständnis ist entscheidend für eine erfolgreiche Skalierung. Zu den beobachteten Unterschieden gehören:

  • In Europa wird der Wandel stark durch die Reduzierung von CO₂-Emissionen vorangetrieben. Rohstoffe machen etwa 50 bis 80 % der Scope-3-Emissionen eines Beschichtungsherstellers aus.
  • In den USA und in Asien liegt der Schwerpunkt stärker auf Gesundheit, Sicherheit und dem Anteil biobasierter Inhaltsstoffe.

Auf globaler Ebene sind Vorteile wie niedrige VOC-Emissionen, keine Toxizität und die Herkunft aus erneuerbaren Ressourcen zentrale Entscheidungsfaktoren. Langfristig werden sich die regionalen Treiber annähern. Deshalb ist es wichtig, in allen Bereichen gleichzeitig Fortschritte zu erzielen.

Was sind die größten Hürden und wie kann die Branche sie überwinden?

Haevermans: Der Übergang erfolgt schrittweise, wobei die Branche derzeit erfolgreich mit zwei parallelen Lieferketten arbeitet – einer biobasierten und einer fossilbasierten. Dennoch weisen biobasierte Materialien je nach Technologie und Produktionsmaßstab häufig noch einen Kostenunterschied von etwa 10 bis 30 % auf. Die zentrale Herausforderung bleibt daher die Wirtschaftlichkeit im großen Maßstab. Hier spielen führende Unternehmen eine entscheidende Rolle, indem sie innerhalb ihrer Ökosysteme zusammenarbeiten in effizientere Technologien zu investieren, Innovationen voranzutreiben, Formulierungskompetenz auszubauen, Materialien intelligenter zu integrieren, und das Verhältnis von Leistung zu Kosten kontinuierlich zu verbessern.

Wie entwickelt sich die Rolle biobasierter Materialien im heutigen globalen Kontext?

Richard Jenkins, Senior Vice President, Coating Solutions, Arkema. Quelle: Arkema
Richard Jenkins, Senior Vice President, Coating Solutions, Arkema. Quelle: Arkema

Richard Jenkins: Biobasierte Materialien sind keineswegs neu. Traditionelle Technologien wie Alkydharze enthalten seit Langem erneuerbare Rohstoffe. Neu ist jedoch die bewusste und beschleunigte Abkehr von fossilen Ausgangsstoffen. Der weltweite Markt für biobasierte Farben und Beschichtungen umfasst bereits mehr als 13 Milliarden US-Dollar und wächst jährlich um rund 10 %. Obwohl sie noch einen vergleichsweise kleinen Anteil am gesamten Beschichtungsmarkt ausmachen, gehören sie zu den am schnellsten wachsenden Segmenten und entwickeln sich klar vom Nischenmarkt zur breiten Anwendung.

Die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema biobasierte Beschichtungen hat sich seit 2010 versechzehnfacht und liegt heute bei etwa 1.000 Publikationen pro Jahr. Dieser Trend wurde zusätzlich durch jüngste Störungen bei fossilbasierten Rohstoffen verstärkt – sowohl durch Preisschwankungen als auch durch Unsicherheiten bei der Versorgung. Dadurch wurde der strategische Wert alternativer und widerstandsfähigerer Rohstoffquellen deutlich.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen – und Chancen – in den Lieferketten?

Jenkins: Die zentrale Herausforderung besteht darin, effizient zu skalieren und gleichzeitig mit Unsicherheit und Volatilität umzugehen. Diese Faktoren haben langfristige Investitionen komplexer gemacht. Gleichzeitig wirken sie aber auch als Katalysator. Sie beschleunigen die Entwicklung regionalerer, diversifizierterer und widerstandsfähigerer Wertschöpfungsketten – ein Bereich, in dem biobasierte Materialien sowohl Diversifizierung als auch Resilienz stärken können.

Betrachtet man die Situation insgesamt, befindet sich die Branche derzeit in einer Experimentierphase, in der verschiedene Wege zur Skalierung erprobt werden. Nicht jede Initiative wird erfolgreich sein, doch genau dieser Prozess ist notwendig, um die effektivsten Lösungen zu identifizieren.

Wie wird sich das Verhältnis zwischen biobasierten und fossilen Rohstoffen entwickeln?

Jenkins: In den kommenden fünf bis zehn Jahren erwarten wir eine schrittweise Ausweitung des Einsatzes biobasierter Rohstoffe in verschiedenen Anwendungen, unterstützt durch kontinuierliche Innovationen. Das Tempo wird jedoch regional unterschiedlich sein. Europa wird vor allem durch Regulierung und politische Rahmenbedingungen angetrieben. Die USA sind stärker marktgetrieben, mit einer hohen Kundennachfrage nach Leistung, Wohlbefinden und Nachhaltigkeitsvorteilen. Indien und andere Schwellenmärkte kombinieren politische Unterstützung mit Skalenvorteilen und ermöglichen dadurch den schnellen Aufbau wettbewerbsfähiger biobasierter Wertschöpfungsketten.

Der Wandel wird Zeit benötigen, aber die Richtung ist eindeutig. Der Erfolg wird davon abhängen, ob die Branche in der Lage ist, zusammenzuarbeiten, Lösungen zu skalieren und wettbewerbsfähige Leistung zu den richtigen Kosten anzubieten.

Lesetipp

Dieses Interview ist Teil einer zweiteiligen Serie. Wir sprachen auch mit Samgeeta Srivastava, Executive Director bei Godavari Biorefineries, über biobasierte Rohstoffe und über den Markt in Indien.