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Detlef Gysau, Perfeco CEO: „Digitalisierung verändert die Produktentwicklung fundamental“
Mit der Eröffnung eines neuen Forschungs- und Entwicklungslabors im Schweizer Innovationspark Innovaare setzt Perfeco ein klares Zeichen: Digitalisierung und Automatisierung sind die Zukunft der Lackentwicklung. CEO Detlef Gysau spricht über die Chancen datengetriebener Prozesse, die Rolle von KI und die Herausforderungen moderner F&E-Strukturen in der Farben- und Lackindustrie. Von Damir Gagro
Was bedeutet Automatisierung heute konkret für ein modernes F&E-Labor in der Lackbranche?
Detlef Gysau: Automatisierung im Labor geht heute weit über einzelne Geräte mit Probenwechslern hinaus. Sie steht für einen digitalen Wandel, der alle Arbeitsschritte in Herstellung, Prüfung und Applikation von Lacken effizienter, reproduzierbarer und datenbasiert macht. Prozesse können unabhängig oder im Workflow verbunden ablaufen. Der Automatisierungsgrad hängt von Faktoren wie hohem Probenaufkommen, Personalmangel, Budget und Infrastruktur ab. Ziel ist auch die Entlastung von Routinetätigkeiten zugunsten kreativer Forschung – Freiräume, die durch regulatorische Anforderungen stark geschrumpft sind.
Wie verändert Digitalisierung aus Ihrer Sicht die Prozesse in der Produktentwicklung?
Gysau: Die Digitalisierung verändert die Prozesse in der Produktentwicklung fundamental – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom ersten Laborversuch bis zum marktreifen Produkt. Bislang gab es im Labor viele manuelle Prozesse, isolierte Datenerfassung und somit auch eine eingeschränkte Vergleichbarkeit, insbesondere von Laboren in unterschiedlichen Standorten. Durch den Einsatz von digitalen Laborjournalen (ELN), automatisierte Messgeräte & Sensorik, zentrale Datenplattformen (LIMS, Cloud-Lösungen) und künstlicher Intelligenz (KI) werden die Reproduzierbarkeit, Geschwindigkeit und Transparenz erhöht. Der nächste Schritt reduziert die Entwicklungszyklen und beschleunigt das Scale-up durch modularisierte Formulierungen und standardisierte Testprotokolle. Die grösste Fehleranfälligkeit beziehungsweise Probleme gab es beim Übergang von der Entwicklung zur Produktion. Mit Hilfe von digitalen Schnittstellen zu ERP- (Enterprise Resource Planning), PLM- (Product Lifecycle Management) und MES-(Manufacturing Execution System) Systemen wird eine nahtlose Übergabe der Daten ermöglicht. So sind Produktspezifikationen, Laborberichte und Prüfprotokolle systematisch dokumentiert und rückverfolgbar.
Welche Rolle spielen datengetriebene Tools wie KI oder Machine Learning bereits in der Formulierungsarbeit – und wo sehen Sie noch Potenzial?
Gysau: KI und ML gewinnen zunehmend an Bedeutung in der Lackentwicklung. Viele Unternehmen stehen jedoch noch am Anfang – ein flächendeckender Einsatz ist nicht gegeben. Erste Anwendungen zeigen sich bei der Formulierungsoptimierung: KI-Modelle analysieren historische Rezepturdaten, Rohstoffe und Testergebnisse. Beim Color-Matching ermöglichen einige Anbieter mithilfe von KI präzise Farbanpassungen und Rezepturvorschläge.
ML-Modelle prognostizieren zudem physikalische Eigenschaften wie Haftung, Trocknungszeit oder UV-Beständigkeit. Auch die Deckkraft lässt sich vorhersagen – etwa durch Regressionsmodelle, die aus zahlreichen Datensätzen lernen und digitale Rezeptur-Iterationen ermöglichen. Das spart Labortests und erlaubt das virtuelle Screening neuer Rohstoffe.
KI ersetzt nicht die Laborarbeit, sondern ergänzt die menschliche Expertise sinnvoll – so das Fazit einer Studie der Universität Jena. KI sei ein wertvolles Werkzeug, kein Ersatz, laut dem Studienautor Kevin Jablonka.
Veranstaltungstipp: Digitalisierung
EC-Conference in Köln: 05.–06. November 2025
Digitale Tools revolutionieren die Lack- und Beschichtungsentwicklung – von der Formulierung über Tests und Datenanalyse bis hin zur Qualitätssicherung. Die EC Conference EC Conference „Digitalisation in Coatings Formulation – Automation and Data Tools in R&D Labs and Quality Control“ in Köln zeigt, wie Automatisierung und digitale Systeme Effizienz, Genauigkeit und Innovationsgeschwindigkeit steigern können. Die Veranstaltung richtet sich an Laborleitungen, F&E-Teams, Produktionsverantwortliche und alle, die sich auf digital unterstützte Prozesse spezialisieren möchten. Neben Fachvorträgen zu aktuellen Trends und Entwicklungen bietet die Konferenz Gelegenheit zum direkten Austausch mit Expertinnen und Experten aus der Branche.
Die Konferenz findet in englischer Sprache statt. Wer einen Einblick in die Systeme von morgen gewinnen und Kontakte zu führenden Köpfen der Industrie knüpfen möchte, sollte diese Veranstaltung nicht verpassen.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für F&E-Teams in der Lackindustrie – technologisch wie organisatorisch?
Gysau: F&E bewegt sich im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Ressourcenknappheit und Marktdruck. Technologische Herausforderungen betreffen u.a. Regulierung, Rohstoffsubstitution, Time-to-Market und digitale Transformation – letzteres oft ohne ausreichende Erfahrung. Wo beginnt man, mit welcher Strategie und mit welchem Team?
Gerade bei der Laborautomation ist der Mensch entscheidend: Ohne engagierte Mitarbeitende bleibt das Potenzial z. B. von HTE-Technologien ungenutzt – und interne Skepsis wächst.
Organisatorisch verschärfen Fachkräftemangel und Abteilungs-Silos die Lage. Gleichzeitig erfordert Laborautomation interdisziplinäre Zusammenarbeit. Infrastruktur-Investitionen und globale Koordination dürfen in großen Unternehmen nicht aufgeschoben werden.
Nur eine integrierte Strategie, die Technologie, Organisation, Nachhaltigkeit und Kultur vereint, kann diese komplexen Herausforderungen meistern.
Sie haben kürzlich Ihren ersten Standort eröffnet. Weshalb haben Sie die Schweiz hierfür gewählt und welche Aktivitäten planen Sie dort konkret im Bereich Entwicklung?
Gysau: Der Standort im Park Innovaare bietet für uns ideale Voraussetzungen: In direkter Nachbarschaft zum Paul-Scherrer-Institut und eingebettet in ein innovationsstarkes Umfeld, haben wir seit Mai unser Büro und Labor dort etabliert – mit Raum für weiteres Wachstum.
Als Dienstleister für die Rohstoff- und Lackindustrie konzentrieren wir uns auf Rohstoffscreening, Auftragsentwicklung sowie anwendungstechnische Prüfung, insbesondere im Bereich bio-basierter und recycelter Materialien für wasserbasierte Systeme.
Ergänzt wird unser Angebot durch technische Beratung zu Füllstoffen, praxisnahe Schulungen sowie strategische Unterstützung bei Laborautomation und Digitalisierung – von der Workflowanalyse bis zur Umsetzung modularer oder vollautomatisierter HTE-Lösungen.