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Wissenstransfer in der Lackindustrie – Zukunft sichern, bevor Wissen verloren geht
Der Fachkräftemangel, demografische Veränderungen und hohe Fluktuation bringen viele Lackunternehmen an ihre Grenzen: Wertvolles Erfahrungswissen droht verloren zu gehen – oft abrupt und ohne Absicherung. Wissenstransfer wird zur strategischen Notwendigkeit. Wie sich Know-how systematisch sichern lässt, zeigen Gespräche mit einem Berater, einer Wissenstransfer-Expertin und einem mittelständischen Lackhersteller. Von Damir Gagro
Die Lackindustrie steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Der demografische Wandel, zunehmende Mitarbeiterfluktuation und ein verschärfter Fachkräftemangel führen dazu, dass immer mehr Unternehmen mit dem drohenden Verlust von Know-how konfrontiert sind. Erfahrungswissen, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde, verschwindet – häufig abrupt, oft ohne strukturelle Absicherung. Wissenstransfer wird damit nicht nur zur organisatorischen Aufgabe, sondern zur strategischen Notwendigkeit.
Wissen ist nicht gleich Information

„Ich erlebe das bei Lackverarbeitern immer wieder“, berichtet der Berater und Podcaster Markus Vüllers. „In den letzten anderthalb Jahren hatte ich drei besonders eindrückliche Fälle: Ein langjähriger Mitarbeiter ging plötzlich in Rente, ohne dass jemand wusste, was er eigentlich alles wusste. In einem anderen Fall kam es zu einem tödlichen Unfall, beim dritten zu einem Burnout. Das zeigt: Wissen geht nicht nur durch Ruhestand verloren. Auch Krankheit, Kündigung oder unerwartete Ausfälle reißen Lücken – und in vielen Fällen ist dieses Wissen nicht dokumentiert.“
Der Irrglaube, dass vorhandene Dokumente, Datenblätter oder Handbücher schon ausreichen, sei weit verbreitet, so Vüllers: „Ein häufiger Denkfehler ist: ‚Das haben wir doch alles irgendwo aufgeschrieben.‘ Dann wird ein Ordner mit 150 Datenblättern hervorgeholt – obwohl nur drei davon tatsächlich gebraucht werden. Wissen ist nicht gleich Information. Und nur weil etwas irgendwo liegt, heißt das nicht, dass es auch nutzbar ist.“
Strukturierter Wissenstransfer schafft Sicherheit

Genau hier setzt strukturierter Wissenstransfer an – ein systematischer Prozess, bei dem unternehmensrelevantes Wissen identifiziert, aufbereitet und nachhaltig gesichert wird. Die Wissenstransfer-Expertin Elena Schüßler-Roggenhofer arbeitet dabei mit einem methodischen Ansatz, dem sogenannten Expert Debriefing. „Wir identifizieren relevantes Wissen in sieben Kategorien – von Fachwissen über Erfahrungswissen bis hin zu Netzwerken“, erklärt sie. Am Ende entstehe eine Wissenslandkarte und ein konkreter Maßnahmenplan, der zeigt, wie dieses Wissen gesichert und weitergegeben werden kann – etwa über Videos, Tutorials oder Handbücher. „Die Methodik ist standardisiert, aber in der Anwendung individuell angepasst. Denn nicht jedes Wissen lässt sich gleich gut verschriftlichen – manches muss man sehen, hören oder im Dialog erleben.“
Dass Wissenstransfer aber nicht nur mit Blick auf den Ruhestand geplant werden sollte, sondern auch im Alltag entscheidend ist, zeigt ein Blick auf den Umgang mit Informationen: „Untersuchungen zeigen, dass 10 bis 20 Prozent der Arbeitszeit allein für das Suchen nach Informationen aufgewendet werden“, betont Vüllers. „Wenn man Wissen strukturiert verfügbar macht, kann man genau da ansetzen – und viel Zeit, Frust und Ineffizienz sparen. Es ist wie beim Aufräumen: Erst mal ausmisten, dann sinnvoll sortieren.“
Vom Pilotprojekt zur Unternehmenskultur

Für Thomas Grüner, Geschäftsführer eines mittelständischen Lackherstellers, war ein Besuch von Vüllers und Schüßler-Roggenhofer im firmeneigenen Industrielackmuseum ein Aha-Erlebnis: „Da wurde mir klar, wie wichtig das Thema ist. Wir haben dann begonnen, intern aufzulisten, wer wann in Rente gehen könnte. Und ich sage immer: Wir alle haben Notfallpläne – aber wir haben keine Not. Und genauso müssen wir auch Pläne für den Wissenstransfer haben.“ Sein Bild dafür ist eingängig: „Die Tupperdose aufmachen, Wissen rein, Tupperdose zu.“
Doch Wissenstransfer kann nur dann funktionieren, wenn er als Teil der Unternehmenskultur verstanden wird. „Wissenstransfer ist Chefsache – zumindest im Sinne der Vorbildfunktion“, sagt Schüßler-Roggenhofer. Wenn die Geschäftsführung das Thema zwar verbal als wichtig einstuft, aber im Alltag keine Zeit dafür lässt, entstehe kein echter Wandel. „Wir müssen umdenken: Stellen dürfen nicht zu 100 % mit operativer Arbeit besetzt sein. Wir brauchen Raum für Wissensarbeit – etwa 10 bis 20 % der Arbeitszeit sollten dafür eingeplant werden. Und es braucht Wertschätzung: Die Mitarbeitenden müssen spüren, dass ihr Wissen zählt.“
Grüner macht genau das in seinem Unternehmen – und sensibilisiert sein Team mit einem motivierenden Perspektivwechsel: „Ich sage meinen Mitarbeitenden: Die nächste Generation wird euch loben – oder eben schimpfen, wenn ihr euer Wissen nicht ordentlich übergebt.“ Zudem fragt er frühzeitig nach: Wer geht wann in Rente? Wer kann sich vorstellen, danach noch punktuell zu unterstützen? „So entsteht Planungssicherheit – auch in Zeiten, in denen alles schneller zu gehen scheint.“
Für Unternehmen, die noch am Anfang stehen, lautet der gemeinsame Rat der drei Expert:innen: klein anfangen – aber konsequent. „Fangt mit einem Pilotfall an“, empfiehlt Schüßler-Roggenhofer. „Beobachtet den Prozess, lernt daraus, optimiert ihn. Und dann rollt ihr das Schritt für Schritt aus.“ Vüllers ergänzt: „Wissenstransfer ist kein zusätzlicher Ballast. Es ist das, was wir sowieso tun – nur eben endlich strukturiert.“Und Thomas Grüner bringt es abschließend auf den Punkt: „Wenn der Chef bei dem Thema nicht blass wird, hat er es nicht verstanden. Wissenstransfer ist wie Altersvorsorge fürs Unternehmen: Man merkt oft zu spät, wie wichtig er gewesen wäre.“
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