Nachrichten Lacktechnologien
„Das Bio-Mass-Balance Prinzip ist ein erster Schritt, es werden aber noch weitere Übergangstechnologien folgen“
Dr. Christiane Saalbach, Bereichsleiterin Innovation Core Team, spricht im Interview über Chancen und Grenzen des Bio-Mass-Balance-Ansatzes, notwendige Übergangstechnologien und die Herausforderungen, die mit der Entwicklung biobasierter Beschichtungen einhergehen. Interview von Bettina Hoffmann
Wie praktikabel ist das Mass-Balance Prinzip, um nachhaltiger zu werden?
Dr. Christiane Saalbach: Aus unserer Sicht ist das Mass-Balance Prinzip zum jetzigen Zeitpunkt ein äußerst praktikabler Ansatz, um Produktionsprozesse und Produkte nachhaltiger zu gestalten. Ein entscheidender Vorteil ist, dass Produktrezepturen und Produktionsprozesse graduell auf das Einbringen von Ressourcen aus nachwachsenden oder recycelten Quellen angepasst werden können, während die Qualität der Endprodukte stabil und zuverlässig bleibt. Ebenso können hiermit nachhaltige Versionen technisch hochleistungsfähiger und etablierter Produkte angeboten werden, die bislang auf den Einsatz von „virgin materials“ der petrochemischen Industrie in ihrer Formulierung angewiesen sind. Rohstoffe, die gänzlich oder zu großen Teilen direkt auf nachwachsenden Ausgangsstoffen basieren sind aus unserer Sicht noch am Beginn ihrer Entwicklungsphase und bergen daher Risiken im Hinblick auf ihre Verfügbarkeit, technische Konstanz und Leistungsfähigkeit in Lacksystemen. Das Bio-Mass-Balance Prinzip ermöglicht an dieser Stelle einen praktikablen und dynamisch anpassbaren Übergang des Bestandsportfolios zu mehr und mehr Anteilen biobasierter Materialen, was zur Reduktion fossiler Rohstoffquellen auf Firmenebene beitragen kann. Dieser Weg unterstützt uns im Übergang, um durch unsere eigenen Innovationstätigkeiten auf lange Sicht in Teilen unseres Portfolios ein kompromissloses biobasiertes Sortiment anbieten zu können.
Um die positiven Auswirkungen von Mass-Balance Methoden hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung messbar zu machen, gibt es aktuell allerdings auch Hürden und Herausforderungen. Harmonisierte Regeln zur Darstellung in „Cradle-to-gate“- oder „Cradle-to-grave“-Ansätzen wie dem Product Carbon Footprint oder in Environmental Product Declarations fehlen bislang und hindern an der breiten Anerkennung der Methodik. Außerdem bleiben im Bio-Mass-Balance Prinzip die grundlegenden „End-of[1]life“-Probleme bestehen, für die auch die Verwendung von Biomasse alleine keine Lösung sein kann. Daneben finden aus unserer Sicht weitere Aspekte der nachhaltigen Entwicklung, die ebenfalls einen großen Hebel haben können, bisher zu wenig Beachtung, wie z. B. der Umstieg auf erneuerbare Energien, die Anwendung von Mass[1]Balance-Prinzipien im Kontext von recycelten Stoffströmen oder auch das chemische Recycling. Zu unterstreichen ist, dass es sich beim Mass-Balance Prinzip um eine Übergangstechnologie handeln sollte. Um dies zu gewährleisten, müssen Unternehmen parallel fortlaufend, gemeinsam mit Forschungsinstituten, an der Erforschung und Entwicklung geeigneter biobasierter Rohstoffe arbeiten und in diese investieren.
Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf Innovation, Wachstum und Marktanteil im Bereich der biobasierten Beschichtungen in den nächsten fünf Jahren?
Saalbach: Wir beobachten z.T. einen starken Trend, der die Branche in Richtung biobasierter Beschichtungen lenkt, sodass die nächsten Jahre insbesondere im Bereich der Forschung und Entwicklung entscheidend sein werden. Wie bereits beschrieben, ist das Bio-Mass-Balance Prinzip ein erster Schritt in diese Richtung, es werden aber ggf. noch weitere Übergangstechnologien folgen (müssen). Dabei ist eine Transformation immer auch mit Lerneffekten und technischen Herausforderungen verbunden, denn biobasierte Beschichtungen weisen derzeit z.T. noch hohe Risiken und Unsicherheiten auf, sei es im Bereich der Rezeptur, der Rohstoffgewinnung, der Produktion, der Verfügbarkeit, der Anwendung oder der Leistung des Produktes. Für uns kommt es daher auf gute Kooperationen an – mit Forschungsinstituten, Rohstofflieferanten sowie Kunden – um die Herausforderungen, denen wir auf vielen Ebenen begegnen werden, gemeinsam meistern zu können. Immer zu berücksichtigen ist aber, dass ein solcher Wandel Zeit in Anspruch nimmt und nicht in fünf Jahren abgeschlossen sein wird, sowie dass biobasierte Beschichtungen nicht für jeden Anwendungsbereich gleich gut geeignet sein werden und aus heutiger Sicht eine vollumfängliche Verfügbarkeitvermutlich nicht gegeben sein wird. Selbst wenn diese Voraussetzungen in Zukunft erfüllt wären, muss man, um ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsverständnis in unsere Produktentwicklung einfließen zu lassen, die Problematik zum Thema “feedstock -foodstock” bedenken. Neben den ökologischen Aspekten müssen wir als Lackhersteller natürlich zusätzlich die ökonomische Perspektive berücksichtigen, insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt ist dies ein entscheidender Punkt, da biobasierte Rohstoffe oft deutlich teurer sind und biobasierte Produkte so im Markt nicht bzw. weniger wettbewerbsfähig sind. Mit der steigenden Verfügbarkeit biobasierter Rohstoffe rechnen wir jedoch in den kommenden Jahren auch mit sinkenden Rohstoffpreisen in diesem Bereich, womit biobasierte Produkte für unsere Kunden attraktiver werden sollten. Daher heißt es aus unserer Sicht: am Ball bleiben. Auch wenn der Markt in den kommenden Jahren großen Veränderungen unterliegen wird, so sehen wir hohe Potenziale für Innovation, Wachstum und Marktanteil, um den Bereich biobasierter Beschichtungen, dort wo es aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten Sinn macht, auszubauen.
Lesetipp
Dieses Interview ist Teil der Rubrik „Expertenmeinung“ in der FARBE UND LACK. Den gesamten Beitrag, in dem auch Lars Ossenschmidt von Worlée-Chemie zu Wort kommt, lesen Sie in der Maiausgabe der FARBE UND LACK. Hier erfahren Sie mehr zum Abo der FARBE UND LACK. Sie sind lieber digital unterwegs oder die aktuelle Ausgabe liegt noch bei den Kolleg:innen? Natürlich können Sie das Magazin auch als E-Journal sowie in unserer Online-Datenbank FARBEUNDLACK//360 lesen.