Digitalisierung, Industrie 4.0 und Co. Ist das relevant?

Donnerstag, 09. Juli 2015 | Veröffentlicht von: Sonja Schulte, FARBE UND LACK

Als ich die Tage aus dem Urlaub zurückkehrte, lag die aktuelle Ausgabe der FARBE UND LACK auf meinem Schreibtisch. An verschiedenen Stellen im Heft begegneten mir dieselben Begriffe, die ich auch sonst in meinem Umfeld wahrnehme: Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet der Dinge usw. Ist das für die Lackindustrie wichtig? Ich meine schon, denn gerade eine Kundenorientierte Branche, wie es die Lackindustrie ist, kommt über kurz oder lang nicht an diesen Dingen vorbei. In anderen Industrien sind diese Dinge bereits Realität.

In der Juli-Ausgabe der FARBE UND LACK fand ich an gewohnter Stelle auch die VILF- Kolumne. Dieses Mal stellte Jorge Prieto, 2. Vorsitzender des Verbandes, die Frage "Industrie 4.0 in der Lack- und Rohstoffindustrie?" Er berichtete von einer kontroversen Diskussion innerhalb der Lackindustrie und meinte, dass die Lack- und Rohstoffindustrie noch weitere Impulse benötige, um Schritt zu halten mit der allgemeinen Digitalisierung.

Lackhersteller haben Digitalisierung durchaus im Blick

Auf die Frage "Worin sehen Sie die größten Chancen bzw. Herausforderungen für Ihre Geschäfte bis zum Jahresende" in der Zwischenbilanz der Juli-Ausgabe von FARBE UND LACK antwortete Michael Schulz, Geschäftsführer Schulz Farben- und Lackfabrik GmbH: "Unser Hauptaugenmerk wird die kontinuierliche Kundenzufriedenheit im stationären und virtuellen Handel sein. Hier arbeiten wir täglich an den Prozessen. Zu erkennen, wie der Kunde sich im Markt oder im Web bewegt und daraus abzuleiten, was der Kunde will, wie man ihn hierbei mit den richtigen Produkten für sein Projekt glücklich machen kann und wie man dafür Sorge trägt, dass er auch professionelle bedient wird, das werden auch im 2. Halbjahr 2015 unsere Ziele für den vertrieblichen Bereich sein." Diese Antwort zeigt, dass Digitalisierung wichtig für die Lackindustrie ist! Gerade wenn der Kunde im Fokus der Geschäftsaktivität steht, wie ich es für die Lackindustrie beobachte, muss man sich seinem Verhalten und Wünschen anpassen.

Internet der Dinge

Meiner Meinung nach könnte dem so genannten Internet der Dinge dabei eine wesentliche Rolle zukommen. Die Waren- und Datenströme haben sich durch das Internet und dem Boom von E-Commerce in den vergangenen Jahren vervielfacht. So hat z.B. das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) ein zukunftsweisendes Logistiksystem erschaffen. Intelligente Geräte sollen denken lernen und Waren ihren Weg zum Ziel selbst organisieren. Die Forscher des Fraunhofer IML sehen das so: "Jeder Behälter, jede Palette und jedes Paket wird mit einem digitalen Speicher ausgestattet. Über diesen erhalten die Objekte Zielinformationen und Prioritäten – und schon können sie einfache Entscheidungen vor Ort selbstständig treffen und die Dinge finden ihren Weg zum Ziel. Diese Form des Internet der Dinge ist eine Antwort auf die steigende Komplexität und die Forderung nach mehr Flexibilität. Die Anforderungen der Kunden haben sich durch das Internet drastisch geändert. Per Mausklick ordern sie individuelle Sendungen. Und die wollen sie sofort – oder zumindest innerhalb der nächsten 24 Stunden. Um das zu bewältigen, nutzen wir momentan eine Infrastruktur wie vor 20 Jahren. Es besteht also dringender Handlungsbedarf. In der intelligenten Selbststeuerung von Dingen liegt die Lösung. Und die Intelligenz geht dabei weit über die schlichte Navigation hinaus. Mittels RFID-Tags sammeln Pakete Umweltinformationen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Erschütterungen. Sie lösen selbstständig Alarm aus, bilden lokale Netzwerke mit anderen Paketen oder Boten und können Transporte zu einem bestimmten Ziel vollautonom bestellen. Am Ende steht die Entwicklung hin zu dezentralen, autonomen und interagierenden Instanzen. Am Ende werden alle Geräte, Pakete und Waren automatisch von der Bestellung bis zur Lieferung wie Zahnräder ineinandergreifen – und die Vision vom Internet der Dinge in der Logistik Wirklichkeit."

Internet der Dinge ist bereits Wirklichkeit und eröffnet neue Geschäftsmodelle

Ein namhafter Rasierklingenhersteller bietet bereits eine IoT(Internet of Things)-Lösung für seine Kunden an. Der "Rasierklingenbox" kann man bereits im Badezimmer neue Klingen bestellen – per Knopfdruck wird die Bestellung ausgelöst und die Klingen kommen per Päckchen ins Haus. Die Zeitschrift Computerwoche hat sie bereits getestet. Lesen Sie den kompletten Bericht hier. Stellen Sie sich vor bei Ihren Kunden würde die Bestellung direkt ausgelöst, wenn das letzte Gebinde aus dem Regal genommen würde. Selbstverständlich wäre alles auch beim Kunden vernetzt, sodass der ganze Bestellvorgang sich deutlich effizienter gestalten würde. Das Ganze wäre dann noch mit Ihren Produktionsprozessen gekoppelt, sodass sie ihre Kapzität immer optimal ausnutzen würden. Ihre Produktionsanlagen "wüssten" quasi wann mehr oder weniger gefordert ist.

Industrie 4.0 – Chancen ergreifen!

Es heißt, die Wirtschaft stehe an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Die Bundesregierung Deutschlands hat das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 initiiert, das darauf abzielt die deutsche Industrie in die Lage zu versetzen für die Zukunft der Produktion gerüstet zu sein. Immer wieder höre ich gerade von mittelständischen Lackherstellen, dass sie eine große Produktvielfalt anbieten und auch für ihre Kunden maßgeschneiderte Lösungen und Dienstleistungen anbieten. Das ist herausfordernd und kann nicht immer mit bestehender Technologie und mit gewohnten Abläufen gelöst werden. Bestehende Businessmodelle sollten regelmäßig auf dem Prüfstein gestellt werden, um rechtzeitig Trends zu erkennen und sich dafür zu rüsten. Dazu darf man sich den Blick nicht durch das Tagesgeschäft verstellen lassen. Immer wieder höre ich, dass keine Zeit da ist, um sich fortzubilden, um mal über den Tellerrand zu blicken, um mal neue Dinge auszuprobieren. Abraham Lincoln hat einmal gesagt " Wenn ich acht Stunden Zeit hätte, um einen Baum zu fällen, würde ich sechs Stunden die Axt schleifen". Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet der Dinge und Co ist eine Chance, auch für die Lackindustrie - ein online Shop ist ein guter Anfang, aber es reicht nicht!

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