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Nachhaltigkeit & Digitalisierung: Neue Leitplanken für Pigmente und Rohstoffe
Wie wirken sich neue Nachhaltigkeitsanforderungen und digitale Tools auf die Entwicklung und Auswahl von Pigmenten aus? Lars Lücke und Heino Heckmann, Harald Scholz, geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen – von CO₂-Transparenz über zirkuläre Rohstoffe bis hin zu Digital Product Passports und KI-gestützten Prozessen.
Welchen Einfluss haben neue Nachhaltigkeitsanforderungen auf die Materialauswahl und Innovationsstrategien bei Pigmenten?
Lars Lücke und Heino Heckmann: Die wichtigste Nachhaltigkeitsanforderung für Pigmente ist im Grunde nicht neu: Zum Kreislaufgedanken zählt die Langlebigkeit von Gebäuden. Dafür ist die Beständigkeit des Farbtons an der Fassade und im Innenraum essenziell und schon seit vielen Jahren ein anerkanntes Qualitätskriterium. Je länger eine Beschichtung und der Farbton intakt bleiben, desto weniger Materialressourcen werden über den Lebenszyklus benötigt.
Durch den EU Green Deal mit Initiativen zu Klimaschutz, Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft sowie Schutz von Endkonsumenten und Arbeitern in der Wertschöpfungskette wird Nachhaltigkeit allerdings viel umfassender und klarer definiert. Für Bauprodukte und Beschichtungen werden Umweltproduktdeklarationen gemäß EN 15804 – wie der CO2-Fußabdruck – einheitlich berechnet und damit eine Vergleichbarkeit geschaffen. Für Gebäude werden ebenso Transparenz zu den Umweltauswirkungen über EN 15978 und nationale Umsetzungen gefordert.
Wie wirken sich diese Neuerungen auf Farben und Pigmente als ihre Rohstoffe aus? Es ist davon auszugehen, dass Nachhaltigkeit als Auswahlkriterium an Relevanz gewinnt. Dabei werden weiterhin Langlebigkeit, Wohngesundheit und Schadstofffreiheit der Inhaltsstoffe im Fokus stehen. Zusätzlich kommt die Betrachtung des CO2-Fußabdruckes und des Anteils an biobasierten und recycelten Rohstoffen als Messgröße hinzu. Kritische Rohstoffe sind Pigmente im Sinne der Critical Raw Material Act Regulation (EU) 2024/1252 dagegen nicht, allerdings ist die Verfügbarkeit wichtig für gleichbleibende Farbtonqualität.
DAW hat sich für unsere Produktion und für unsere Rohstoffe Klima- und Kreislaufziele gesetzt. Deshalb sind Rohstoffe mit reduziertem CO2-Fußabdruck sowie recycelte und biobasierte Rohstoffe für uns relevante Auswahlkriterien.
Ein großer Hebel für die Verringerung des „Product Carbon Footprint“ (PCF) einer Farbe liegt durch die energieintensive Produktion bei Titandioxid, unserem wichtigsten Weißpigment. Die Einsatzmenge wurde allerdings bereits in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen und der Diskussion um eine – nun doch nicht erfolgte – chemikalien-rechtliche Einstufung von Titandioxid weitestgehend optimiert.
Es braucht nun einen weiteren Schritt: Die Optimierung der Wertschöpfungsketten. Und dafür benötigen wir alle Transparenz mit belastbaren, nach einheitlichen Regeln bestimmten, rohstoffspezifischen Nachhaltigkeitsdaten. Damit können wir gezielt nachhaltige Rohstoffe auswählen, den PCF oder den Anteil zirkulärer Rohstoffe von Produkten optimieren und den Mehrwert für Kunden transparent darstellen. Transparenz schafft die Grundlage für eine nachhaltige Weiterentwicklung von Wertschop-fungsketten und für die Erreichung unserer DAW-Nachhaltigkeitsziele. Deshalb arbeiten wir aktiv daran, organisatorische Hürden aus dem Weg zu räumen. Dazu gehört der Ab
bau uneinheitlicher Regeln zur Berechnung des CO2-Fußabdrucks für Rohstoffe und ein effizienter Datenaustausch in der Lieferkette.
Wie verändern digitale Tools die Zusammenarbeit zwischen Rohstofflieferanten und Lackherstellern bei der Entwicklung?
Lücke und Heckmann: Die Nutzung digitaler Werkzeuge ist schon heute unerlässlich, um als Marktakteur im Wettbewerb zu bestehen – und Generative Künstliche Intelligenz (Gen Al) als Disruptive Innovation hat das Potenzial, Geschäftsprozesse noch einmal effizienter zu machen. Digitale Tools lassen sich in zwei Arten gliedern: in die Software zur firmeninternen Verbesserung von Prozessen und die digitalen Werkzeuge zur Kommunikation in der Wertschöpfungskette vom Rohstofieferanten zum Lackhersteller. Firmenintern wichtig sind für uns neben modernen Tools für die Rezepturentwicklung auch die Fähigkeit zur Berechnung der Umweltindikatoren mit der aufwendigen Lebenszyklus-Analyse nach EN 15804, damit wir unsere Produkte im Hinblick auf neue Nachhaltigkeitsanforderungen optimieren können. In den nächsten Jahren wird die Kommunikation spezifischer Rohstoffdaten für eine Optimierung an Relevanz gewinnen. Dafür benötigen wir eine gemeinsame Sprache für die automatisierte, digitale und barrierefreie Kommunikation zwischen Partnern in der Wertschöpfungskette.
Hierzu hat die EU-Kommission das Konzept des Digitalen Produktpasses (DPP) geschaffen. Der DPP soll – ähnlich wie der biometrische Reisepass für uns Menschen – digitale Informationen zur Identität und zu den Eigenschaften von Produkten (wie beispielsweise den CO2-Fußabdruck und viele weitere Daten) effizient speichern und als Werkzeug für den geregelten Datenaustausch dienen. Die DAW beteiligt sich am Projekt Chem-X, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), gemeinsam mit Partnern aus der Chemie- und IT-Industrie an der Erstellung von Demonstratoren von DPPs, z. B. für Farbe in einem Open-Source-Format. Der DPP als neues Digitales Tool bietet große Chancen für die Kooperation von Rohstofflieferanten und Lackherstellern:
– Optimierung von Produkten in puncto Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit,
– Effizientere Kommunikation,
– Verbesserung der Datenqualität.
– Effizientere Abwicklung von gesetzlichen Anforderungen.
– Erreichen von Nachhaltigkeits- und wirtschaftlichen Firmen-Zielen.
Innovation bringt Fortschritt. Kl und DPP sind digitale Werkzeuge und können, richtig genutzt, der Beschichtungs- und Pigmentbranche in einer Zeit der Krise Aufwind geben.